Mittwochslyrik: Ohne Worte

Ohne Worte

Gehüllt in meinen Schleier,

in zärtlichem Zwang umfasst.

Gewebt aus meiner Schwäche, meinen Ängsten,

bollwerkgleiche Schutzschicht meiner Tränen,

wehrhaft strömender Lymphe.

Gespeist aus Verletzungen,

gewonnen in zwanghaften Fluchten.

Solltest Schutz sein, jetzt Bindung

in selbstgerechtes Gitterwerk.

Immer schwerer fällt mein Aufbegehren,

habe Angst, haltlos zu fallen,

mich nicht auffangen zu können.

Zwänge meine Lippen

dicht über wuchtige Schreie.

Furcht vor der Macht des Zerreißens.

 

Advertisements

Perlendreher

perlendreher_11_2016-5

Perlen gehen immer.

perlendreher_11_2016-2

Es gibt nur eine Bedingung:

perlendreher_11_2016-3

In einer anderen Form wie im Jahr zuvor.

perlendreher_11_2016-4

Dieses Jahr also auf einen dünnen Draht gefädelt, diesen über z. B. einen Bleistift in eine Spirale drehen, Stift rausziehen und den Perlendreher tanzen lassen: Am Fenster, in einem Blumenstrauß oder an einem Ast:

perlendreher_11_2016-1

Heu(e)l doch!

Mein sportliches und ernährungstechnisches Gegenüber klärt mich über den neuesten Essenstrend auf:

„Huel, Frau Ev, Huel, das ist das Neueste! Haben sie davon schon gehört?“

Nein, hatte ich natürlich nicht, ist aber auch kein Wunder, denn weder bin ich sport- noch ernährungstechnisch optimiert. Ein Pulver zum Anrühren ist das, erfahre ich. Aber nicht nur irgendein schnödes Pulver, sondern ein ganz besonders optimiertes, gesundes, wirkungsvolles, praktisches. Mindestens eine Mahlzeit lässt sich so ersetzen. Mindestens! Sauber, zeitsparend, während der Arbeit, im Auto, im Laufen, vor, während, nach wichtigen Entscheidungen. Kein lästiges Hinsetzen mehr, keine unnötige Zeitverschwendung, kein Überlegen mehr wegen möglichen Transfetten, Fleischoptionen, schmutzigem Teller & Besteck, kein Kleckern. Optimal.

„Ahhh, Pülverchen“ sag ich und denke darüber nach, ob ich jetzt lachen oder heulen soll, entscheide mich dann für die optimale Lösung gegen beides.

„Alles drin, was man so braucht. Und dann auch noch vegan. Besser geht es nicht.“

Es könnte mir jetzt leid tun, tut es aber nicht, dass mein inkontinentes Sprachzentrum als Antwort prustend „Soylent Green“ kichern lässt. Sorry, das ließ sich echt nicht steuern, das ploppte einfach so raus.

Mein Gegenüber wirkt ein kleines bischen indigniert. Diese kleine, dicke, sport- und ernährungstechnisch nicht optimierte Frau hat die Tragweite der sich ihr öffnenden Möglichkeiten mal wieder nicht ergriffen. Wahrscheinlich genau so wenig, wie mein „Soylent Green“ auf nicht vorhandenen fruchtbaren Assoziationshumus fiel.

„Jetzt sagen sie bloß nicht, dass sie Soylent Green nicht kennen!“ sage ich und kläre über diese eklatante und nicht nur cineastische Wissenslücke auf. „Was so zehn Jahre mehr an Leben doch ausmachen können“, flöte ich und versende den Link mit einem Klick.

30 Minuten später folgt ein

„So! Bestellt und abgeschickt. Soylent! Das MUSS ich ausprobieren!“

P. S.: Soylent Green

P. P. S.: Angucken.

Adventswerkelei

Was ich besonders an der Advents- und Weihnachtszeit mag, ist die Werkelei, die für mich unbedingt dazu gehört!

Werden die Abende immer früher dunkel, die Tage grauer, feuchter, kälter, die Zimmer wärmer und voller Kerzenschein, dann ist die Zeit für die Ausführung all der Ideen gekommen, die ich dafür übers Jahr dafür gesammelt habe.

Ich liebe es, mir zu überlegen, welche selbst gemachten Geschenkte wer bekommen könnte, was ich an Neuem ausprobieren möchte, welche Naturmaterialien sich für welche Deko eignen und noch viel mehr. All das zusammen.

In diesem Jahr gibt es zu Nikolaus warme Füße von mir:

nikosocken_fertig_11_2016-1

 

1 x in Größe 38, 2 x in Größe 44 und 1 x in Größe 45.

Die Anleitung Familienausflug dafür ist von Regina Satta, deren Designs ich sehr schätze. Nun wo die Socken fertig sind, kann ich mich gar nicht wirklich satt daran sehen, wie sie mit all den unterschiedlichen Garnen wirken.

Verarbeitet habe ich:

Merino fine (100 % Merino, 400 m/100g), Färbung „Orchideengarten“ von Auenleben

 

Ein altes DraWo-Schätzchen (70 % Schurwolle, 15 % Bambus, 15 % Seide, 420 m/100g)

 

Trilogie (75 % Schurwolle, 15 % Seide, 10 % Leinen), Färbung. „Denim“ von Alte Künste

 

Sockenwolle (75 % Merinowolle Superwash, 25 % Polyamid), Färbung „For my Darling with Love“ von Zauberwiese

 

nikosocken_fertig_11_2016-2

 

Mittwochslyrik: Im Fluss

Im Fluss

Hör nicht auf mich zu verströmen

Quell & Delta mir zugleich

 

rieseln hüpfen gurgeln fließen

weiter rund herum hinfort

 

Lege mich um schroffe Schrunden

Wellen lecken sanftes Rund

 

lösche aus und überschwemme

nähre dünge werfe grab

 

Ohne Anfang ohne Ende

fließend

Quell und Delta mir zugleich

Frau Uhlemann

frau_uhlemann_11_2016-1

Unbestritten haben die Schulzeit und die Lehrerschaft, der wir in ihr begegnen, einen großen Einfluss auf unser Leben.

Die großartigste Lehrerin, die mich auf meinem Lebensweg begleitete, war Frau Uhlemann. Meine Zeit bei ihr währte nur 1 1/2 Jahre, aber diese kurze Zeitspanne war so unglaublich intensiv, dass ich mir nicht ausmalen kann, wie mein Leben ohne sie verlaufen wäre.

Diese 1 1/2 Jahre umfassen meine wertvollste, meine prägendste, meine positivste Schulzeit, die, in der ich am meisten für mein Leben lernte. Mit und abseits der Lerninhalte. Sie eröffnete mir den Weg in eine neue Welt. Die Welt der Buchstaben, Wörter, Sätze, des Lesens, der Bücher. Die Welt, in die ich mich flüchten konnte, die mir Schutz und Zuflucht in einem ganz anderen Lebensraum bot.

Viele Jahre später durfte ich noch einmal beglückende 1 1/2 Jahre Schule erleben. Diese Mal stand nicht eine Lehrerin im Fokus, sondern meine Mitschüler und ein um alle Schüler bemühtes und freundliches Lehrerkollegium.

Auch in dieser Zeit durfte ich so sehr viel mehr lernen als nur den Inhalt des Lehrstoffs.

Das Wissen um diese Jahre bereichert noch immer mein Leben, hat mich so manches aushalten lassen und mir geholfen, zu mir zu finden, bei mir zu sein.

Wenn ich mich recht erinnere, wurden wir bei unserer Einschulung auf vier Klassen eingeteilt. Frau Uhlemann war für 37 Schüler verantwortlich, die weiteren drei Klassen waren garantiert nicht kleiner. Multikulti gab es schon damals: Auf dem Bild oben ist ein Mädchen aus der Tschechoslowakei zu sehen, ein Roma-Mädchen, ein Junge aus der Türkei und einer aus Griechenland. Besonders erinnere ich mich an letzteren, der mitten im Schuljahr zu uns fand und noch kein einziges Wort Deutsch sprach. Ich sehe noch genau vor mir, wie Frau Uhlemann mit dem Wörterbuch vor uns stand und uns „Guten Tag“, „Danke“, „Bitte“ und „Auf Wiedersehen“ auf Griechisch und Deutsch an die Tafel schrieb, damit wir ihn Willkommen heißen konnten. Erstmal auf Griechisch. Dann auf Deutsch. Völlig unaufgeregt. Er gehörte ab sofort einfach mit dazu, auch wenn er uns und wir ihn noch nicht verstehen konnten, was sich aber schnell änderte.

Frau Uhlemann führte ihren Unterricht nicht allein, sondern zusammen mit ihrer Handpuppe Kasperl, der uns beim Lernen von Buchstaben, Wörtern, Zahlen half. Sie schrieb nicht einfach nur an die Tafel, sondern gab allem mit ihren Zeichnungen, auch auf Arbeitsblättern, einen direkten und persönlichen Bezug zu unseren täglichen Erlebnissen in der Schule. So wie auf diesem hier, das sie am Tag nach dem Katze und Maus-Spiel im Sportunterricht verteilte:

frau_uhlemann_11_2016-2

Uli versuchte tatsächlich mich dabei zu fangen, daran erinnere ich mich, aber nicht, ob er es wirklich schaffte :). Diese Arbeitsblätter waren damals noch keine Kopien, sondern Matritzenabzüge. Und wir trugen damals alle Sportkleidung aus einem gerippten, schwarzen Baumwollstoff, genau so wie auf der Zeichnung zu sehen. Die Arbeitsblätter, die sie uns gab, lasen und bearbeiteten wir gemeinsam im Unterricht. Wir malten sie aus und sehr oft war auf ihnen ein kleines, freies Rechteck, in das wir hineinzeichnen sollten, was uns dazu einfiel.

37 Schulkinder interessiert, ruhig und beschäftigt zu halten, war ganz bestimmt nicht einfach, denn auch damals gab es schon stets bemühte Spaßvögel, wie z. B. den lustigen Schieler, ganz oben in der Reihe, der Dritte von rechts, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass auch nur einer von uns einen Klassendödelstatus gehabt hätte, dass es Strafen gab oder dass jemand in der Ecke stehen musste.

All das erlebte ich erst nach diesen 1 1/2 Jahren: Schüler, die zur Strafe in der Ecke stehen, nachsitzen, Strafarbeiten schreiben mussten oder auch körperlich bestraft wurden mit Kopfnüssen, einem Schlag mit dem Lineal oder einem harten Ruck an den Ohren.

Vor Jahren setzte ich mich mit meiner ersten Grundschule in der Hoffnung in Verbindung, mit Frau Uhlemann in Kontakt treten zu können, aber leider konnte mir dort damals niemand eine Information zu ihr geben und das Internet war noch lange nicht da, wo es heute ist. Einige Jahre später versuchte ich es darüber erneut und fand tatsächlich eine Spur zu ihr. Mehr als 40 Jahre waren seither vergangen und ich überlegte lange, ob und wenn ja mit welchen Worten ich ihr schreiben würde.

Leider zu lange.

Als mein Brief sie erreichte, ging es ihr so schlecht, dass ihn ihre Schwester ihr, wie sie mir antwortete, nur noch vorlesen konnte. Außerdem schrieb sie über sie, dass sie aus ganzem Herzen und voller Überzeugung bis zum Schluss Lehrerin und dass für sie jedes einzelne ihrer Schulkinder von Bedeutung war.

Mit diesem Brief in meinen Händen weinte ich wie das Kind, das ich damals war und das genau wusste, was für ein besonderer Mensch sie war. Ich weinte voll Trauer um die Kürze der Zeit mit ihr und gleichzeitig voll Dankbarkeit, einen Teil meines Weges mit ihr gelaufen sein zu dürfen.

Ich bin froh, dass ich ihr, auch wenn ich nicht weiß, ob sie noch erfasste, was ich da schrieb, so sagen konnte, wie wichtig sie für mich war, wie dankbar ich ihr bin, dass sie mir den Schlüssel zu dieser einzigartigen Welt in meine Hände legte.

Danke an die Frau Uhlemanns dieser Welt, die auch meinen Sohn und meine Tochter Teilstrecken ihres Schulweges begleiten durften und die so unglaublich wichtig für unser gesamtes Leben sind!

 

(P. S.: Natürlich weiß ich, dass es auch ganz andere Lehrer und Lehrerinnen gibt. Davon und über sie hört und liest man mehr als genug. Diese aber sind ein ganz anderes Thema und gehören heute und hier nicht her. In Zeiten wie diesen scheint es so viel einfacher und korrekter zu sein, das Negative zu sehen, als sich voller Dank und Hoffnung mit dem auseinander zu setzen, was gut und positiv war und ist.)

 

 

Frau Odersockes vernebelte Wollschätze

odersocke_11_2016-1

Frau Odersockes Sockenwolle in Nebelfärbungen gefiel mir so gut, dass zwei ihrer Stränge bei mir einziehen durften:

Oben: Pfirsichblütennebel Melange

Unten: Blütennebel

Der oben ist der meinige, der untere zieht in den Adventskalender für meine Mutter ein.

Und wer es noch nicht weiß und sich deshalb über das Kätzle wundert: Franzi liegt immer einen ihrer hübschen Anhänger in ihre Sendungen hinein ♥ – lieben Dank auch dieses Mal dafür!