Neun

Ich liebe diesen Monat, diese stade Zeit voll vermeintlichem Stillstand. Die Ruhe, die Kälte, die klirrende Klarheit der Luft. Den Kerzenschein in Dunkelheit, meinen Atem in Wolken bei jedem Ausatmen, jedem Wort. Die Hände in den Fellhandschuhen, warm eingepackte Füße, bis zu den Ohren versunken in kuschligen Schals.

Dieses Ende des Jahres, das in den Anfang des neuen hinübergleitet. Das geheime Werklen, das Backen, Kochen, Schreiben, Schenken. Dieses Innehalten, das herzwärmende Beisammensein. Das Lachen miteinander und die besinnlichen Momente.

Früher gehörte der Kirchgang unausweichlich dazu. Ich bin noch immer ein glaubender, ein spirtuell fühlender Mensch, die Institution Kirche aber, die ist mir irgendwann in den letzten Jahren abhanden gekommen und ich fühle an der Stelle, die sie barg, ein leeres Kratzen in mir. Trotz und gerade des Wissens um diese eine, beseelte Geburt. Ausgetreten aus ihr bin ich nicht, habe es auch nicht vor, denn es wäre ungerecht, all denen gegenüber, die sich wahrhaft um Seelen sorgen und diese Gemeinschaft tut viel Gutes und da würde ich mich schlecht fühlen, meinen monatlichen Anteil nicht dazu zu geben.

Dieser Monat, den viele, abgesehen von den wie auch immer begangenen Feiertagen, so gar nicht mögen, weil er dunkel, kalt, nass ist, war für mich von Beginn an voller Magie. Ich bin ein Winterkind mit Leib und Seele und werde das wohl immer bleiben. Die Natur kommt zur Ruhe, ich empfinde das auch für mich. Und Freude zu teilen, Wärme in Kälte zu bringen, ist mir gerade jetzt besonders mit Innigkeit verbunden. Mit dem Monat schließt sich nicht nur der Jahreskreis, enden und beginnen nicht nur Kalenderjahre, sondern schließe auch ich für mich ab, was im Jahr geschah. Ich ziehe Bilanz, höre in mich, schaue zurück und dann wieder nach vorn, so voller Leben.

Was mir bis vor einigen Jahren nicht klar war, was ich wiederholt in diesem Monat lernte, ist die Unausweichlichkeit des Todes, die eben auch zum Leben gehört. Bis das passierte, war das Thema Tod für mich ein absolutes Tabu. Ich sprach nicht über ihn, wollte nicht darüber nachdenken, denn dieser Monat, der stand doch immer nur für das Leben, was sollte dann das Vergehen in ihm? Mir erschien diese Verknüpfung als eine absolut nicht zusammen passende.

Und doch. Ich habe es gelernt, dass auch in diesem mir so hellen Monat das Vergehen passt, Krankheit, das Siechen, Sterben und Tod. Unverrückbar. Unentgehbar. Das zarte Lächeln in den Mundwinkeln meiner ersten toten Lippen hat es mich gelehrt, dieser Moment, als ich durch die Tür trat, auf die Knie sackte und zu atmen versuchte, ohne dass mir das gelingen wollte. Ich sah die farblose Blässe der Hände und wartete darauf, dass sie sich bewegen, die Augenlider flattern, die Nasenflügel sich blähen würden. Nichts. Die Luft im Raum so schwer, dass sie mir flüssig deuchte. Als ich wieder stand, das Schluchzen verebbte, ich wieder ruhiger atmete, warte ich noch immer auf eine Bewegung und als sie nicht kam, schritt ich langsam näher heran, so nah, dass ich irgendwann für die Anderen unbemerkt, über dem Laken mit meine Finger kurz diesen starren, nicht mehr warmen Leib berühren konnte, was mir begreifen half. Und loslassen. Nicht die Liebe, nicht das, was diesen Körper bis zum letzten Atemzug leben ließ. Die Essenz, die einen jeden von uns ausmacht. Das war ein unendlich trauriger Moment, aber die Welt stand nicht still. Alles ging weiter. Nur dieser eine nicht. Aber wir. Ein jeder atmete, bewegte, lebte. Da das Ende, hier der Anfang eines neuen Weges, ohne diesen Menschen. Aber mit der Erinnerung an ihn, mit der Dankbarkeit dafür.

Und irgendwie ist doch dieses Erinnern, die Liebe, die da war und ist, das, was den Advent ausmacht. Das Wunder des Lebens, das Teilen, das Ende von etwas, das in den Beginn von etwas Neuem mündet.

Für dieses unbezahlbare Geschenk empfinde ich tiefe Dankbarkeit.

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