Mammographie

Ich öffne das Kuvert und ziehe das Schreiben mit dem nächsten Mammographie-Termin für mich heraus. „Wtf?“ denke ich und „War ich nicht erst letztes Jahr?“, ich plustere mich auf wie ein empörtes Huhn, rege mich ab, nachdem ich durchgerechnet habe. Tatsächlich, es ist Zeit für den nächsten Mammographie-Termin.

Mehrmals habe ich mir zu diesem Thema ärztlichen Rat geholt bezüglich des Für und Wider. Brauch ich das wirklich? All diese kritischen Publikationen. Muss das sein? Kann ich mal vom Allgemeinen weg und eine persönliche Empfehlung nur für mich hören?

Die Antwort auf letztere Frage lautete immer wieder „Frau Ev, ja, für sie ganz persönlich ist das tatsächlich die beste Möglichkeit, um ein fundiertes Ergebnis zu bekommen“. Nicht zu vergessen die familiäre Disposition. Die kann ich gar nicht außer Acht lassen, dafür denke ich zu medizinisch.

Zwei Mal habe ich die Untersuchung bereits hinter mir. Beim ersten Mal ergab sich ein unklarer Befund, daher ein zweiter, sehr sorgfältiger Untersuchungstermin in einem Brustkrebszentrum. Zum Glück handelte es sich lediglich um eine Überlagerung, alles o.k. und danach tanzte ich regelrecht zurück zu meinem Mann ins Wartezimmer. Die Tage dazwischen bis dorthin waren schlimm. Kopfkino rund um was wäre wenn halt. Und unsere Kinder fanden es gar nicht gut, dass wir sie bei all dem vermeintlich schützend außen vor ließen. Das war uns eine echt Lehre.

Zur Mammographie selber ging ich mit gemischten Gefühlen, weil ich so oft, vor allem von meiner Mutter, zu hören bekam, wie schrecklich schmerzhaft sie sei. Nun, das kann ich definitiv nicht bestätigen. Davor habe ich keine Angst. Natürlich habe ich alles zu diesem Thema gelesen, was mir zwischen die Finger und vor die Augen kam: Die kritischen Aspekte, die befürwortenden Aspekte, die persönlichen dafür und dagegen Berichte. Ja mei, zwischen all dem muss ich halt den Weg finden, der meiner ist und das war/ist nicht einfach.

Fast alles, was ich bisher an Kritik dazu las, habe ich nachvollziehen können und es muss wirklich schlimm sein, einen falsch/positiven Befund zu kommen. Ja, mancher Krebs muss vielleicht wirklich nicht operiert werden, weil er für die Trägerin tatsächlich nie evident geworden wäre. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass es vorschnelle Operationen gibt, die ebenfalls nur eines waren, nämlich vorschnell, aber … das große ABER ist für mich, dass ich all das bisher nur in der Theorie erlebt habe. Aus Berichten in den Medien, ganz egal ob Strunz- oder Fachmedien. Theoretisch halt.

Praktisch erlebe ich, erleben wir das in unserem beruflichen und privaten Umfeld in immer größerem Ausmaß anders: Da sind viele Krebspatientinnen und -patienten. Ich beschränke das jetzt einfach mal nicht „nur“ auf Brustkrebs, denn es gibt ja auch noch andere Krebstypen und die Mammograhie ist ja auch nicht die einzige Krebsvorsorgemaßnahme, die wir wahrnehmen können, allerdings eben dann halt doch die einzige, zu der man schriftlich eine Einladung bekommt. An dem, was ich in meinem Umfeld an Krebserkrankungen erlebe, ist bisher kein falsch/positiver Befund dabei gewesen, sondern ungeheuer dramatische und drastische Lebenseinschnitte. Auch und gerade in meiner Generation der Baby-Boomer und der Krebs, dieses Arschloch, der ist nicht wählerisch, der greift sich alle: Die Reichen, und die, die fast nix haben, die Dicken und die Asketen, die mit Sport, Ernährung und Versagung immer alles richtig gemacht haben, die, die ihr Leben, ihre Gesundheit verschwendet haben und die, die sie leiden ließen, die Mütter/Väter und die Kinderlosen, die Lieben und die Doofen, die, die schon vorher krank waren und die, die sich bis zum zufällig entdeckten Befund pumperlgesund fühlten. Und jedem einzelnen stellt er die Welt auf den Kopf, zieht den Boden unter den Füßen weg.

„Weißt Du, Ev,“ sagt der Gatte „es ist Deine Entscheidung. Und wenn Du das machen willst, dann seh es doch einfach so wie das Impfen. Du weißt doch, alles hat sein eigenes Risiko“. Niemand weiß das besser als er und hinterher, hinterher weiß man es immer besser. So ist das mit dem ganzen Leben. Das Hinterher ist leider nie das Vorher, kann es gar nicht sein. Trost und Hoffnung zugleich ist das.

Ich werde auch zu diesem nächsten Termin gehen und an mein erstes Mal dort denken, als ich nur die Briefvorderseite gelesen habe, gar nicht auf den Gedanken kam, das Blatt umzudrehen, deshalb schön Deodorant benutzt hatte und es mir dann vor der Untersuchung an einem kleinen Waschbecken gründlich abswaschen musste. Dem mulmigen Gefühl an dem Tag werde ich so ins Gesicht lachen. Und dann werde ich einige Tage lang die Hoffnung mit mir tragen, dass bitte, hoffentlich, danke erst zwei Jahre später wieder ein Brief mit einer erneuten Einladung zum nächsten Screening kommen wird.

Und ja: Mit all den anderen Vorsorgeterminen geht mir das genauso, wobei ich den einen davon, eben weil es keine Einladung gibt, immer wieder gerne verdränge …

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2 Gedanken zu „Mammographie

  1. Ein gutes neues Jahr wünsch ich Dir, liebe Ev.
    Was die Mammo betrifft: meine 3te Ende letzten Jahres war nicht ganz so schmerzfrei wie die beiden ersten. Das lag aber diesmal vielleicht daran, das ich kurz zuvor wegen einer Gefäßgeschichte noch ein CT machen musste.Die Ärztin bei der CT-Besprechung sagte so nebenbei, ich sollte eine machen lassen, sie hätte da einen Schatten gesehen. Ganz tolles Feeling bis zum Termin. Und dann auch noch die Woche danach, bis der Brief kam…
    Hat sich aber nichts ergeben.

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    • Liebe Ruthy,
      oh, ich kann mir vorstellen, wie schrecklich diese Tage für Dich gewesen sein müssen! So ein Glück, dass dann alles in Ordnung war!
      Ich für mich denke, dass die Untersuchung für manche doch deshalb schmerzhafter ist, weil das alles doch auch Angst macht.
      Ich wünsche Dir ein rundum schönes Jahr, ohne Sorgen!
      Herzlichst,
      Ev

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