Träume vom Meer

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Zum Ende der 70er hin kauften meine Eltern einen Alpenkreuzer und dann fuhren wir mit ihm für vier Wochen auf einen Campingplatz an der Costa Blanca, fast direkt am Meer. Spanier, Franzosen, keine anderen Deutschen außer uns. Ohne ein Wort Spanisch oder Französisch, aber mit einem Wörterbuch ;).

Auf Googlemaps bin ich letztens über ihm geschwebt, diesem herrlichen Ort, fast ohne ihn wieder zu erkennen. So viel hat sich geändert, während ich den Weg durch meine Erinnerungen hin zum Strand suchte, an einem kleinen Kanal entlang, in den die Abwässer damals ungefiltert hineinflossen und hin zu der steinigen Küste, an der ich so gerne saß und auf das Meer schaute, während meine Mutter so weit in es hinein schwamm, bis ihr Kopf nur noch ein kleiner, dunkler Fleck war, der von den Wellen mal nach oben, mal nach unten ins Unsichtbare geschaukelt wurde.

Für solche Erfahrungen war ich zu feige, suchte mir lieber einen Platz in den dunklen Steinschrunden, beobachtete Winkerkrabben und sah unseren Platznachbarn zu, die sich ihr Abendessen sammelten und fingen: Kleine Fische an Angelhaken oder Harpunen, einen Oktopus, der sich um den Arm seines Fängers ringelte und doch nicht seinen weichmachenden Schlägen entkam und unzählige Seeigel, die oft an Ort und Stelle aufgeschnitten und deren Inhalt mit dem Saft einer frisch halbierten Zitrone herausgeschlürft wurde.

Ich liebte das Gefühl der Sonne auf meiner Haut und den salzigen Duft, den der Wind auf mich sprühte. Vorsichtig bewegte ich mich hin und her, um mich an den schartigen Steinen nicht zu verletzen, bis ich die Stellen fand, in denen sie kleine Tümpel mit winzigen Seeanemonen, durchscheinenden Garnelen und noch kleineren Fischchen und Einsiedlerkrebschen bargen. Leere Muschel- und Schneckenschalen in den unglaublichsten Farben pickte ich vorsichtig aus ihnen heraus.

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Winzige Meeresjuwelen, die mir sehr kostbar sind.

Von Zeit zu Zeit nehme ich sie in die Hände, schnuppere an ihnen und denke an die Wochen zurück, die wir wiederholt dort verbrachten, an die Menschen, die wir kennenlernten, an das Leben dort, die Gerüche und Eindrücke, die Landschaft, die mittlerweile von Plastikplanenfeldern verunstaltet und unzähligen Neubauten zerschnitten ist.

Ich kann ihn noch immer unter mir spüren, den rissigen Küstenstreifen. Ich kann sie noch immer spüren, die Gischt und den eindringlich salzigen Geschmack der Seeigel.

In den Jahren, die mich meine Meeresjuwelen begleiten, sind mir die liebsten unter ihnen die, die aussehen wie futzelige Erbschenhälftchen, mittlerweile etwas in ihrem sanften Grün verblasst. Da, wo sich die Haut meines Fingers in kleine Rillen legt, tragen sie sehr viel feiner noch zartere Wachstumslinien:

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So hell und beglückend diese Erinnerungen auch sind, so bergen sie doch immer den Schatten der Frage in sich, ob sich heute, gut 40 Jahre später, an den alten Stellen noch immer diese Vielfalt finden ließe. Heute, nach so vielen Jahrzehnten, in denen man es besser hätte wissen müssen, dass man die Schätze der Natur, in der wir leben, nicht sinnlos ausbeuten, verprassen und zerstören darf … über 90 % der Fischbestände im Mittelmeer sind mittlerweile überfischt und die Utopie, dass dieses einzigartige Ökosystem durch unsere Rücksichtslosigkeit und Gier nach immer me(e)hr zusammenbricht, wird immer wahrscheinlicher.

Ich sage nicht, dass früher alles besser war, aber ich trage sie in mir, die Erinnerung an eine andere, vielfältigere Natur und einfachere Zeit. Das Leben besteht aus so viel mehr als Events, Konsum, Entertainment und Luxus, der aus dem vollsten schöpft.

So vieles steht nicht nur dort, sondern auch hier an der Schwelle des Verschwindens und es ist mehr als höchste Zeit, das zu realisieren – und bei sich selber damit anzufangen, die Welt, die Natur in der wir leben, mit offenen Augen wahrzunehmen.

Nichts spricht dagegen, gleich heute damit zu starten. Geht raus, nehmt wahr, was Euch umgibt. Schaut, riecht, schmeckt, fühlt und lernt es wert zu schätzen, damit all das nach weiteren vier Jahrzehnten nicht nur eine Erinnerung wie die Hülse einer längst vertrockneten Erbse ist.

Viel Freude dabei!

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2 Gedanken zu „Träume vom Meer

    • Ich danke Dir für Deine lieben Worte ♥.
      Mich treibt momentan so viel um.
      Die Sorge um die Natur, aber auch die Sorge um so vieles anderes, was in der Welt passiert.
      Ich denke, dass es niemals wichtiger war wie heute, dass man damit beginnt, deutlich wahrzunehmen, was uns umgibt und dort gegensteuern, wo man noch gegensteuern kann und das auch, wenn es nur kleine Schritte sind.
      Ich denke, auch das ist der Sinne von Ostern.
      ♥liche Dir,
      Ev

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