Mit der Bahn fahren bildet – Heute: Kundenakquise

So erlebt – alle Abkürzungen haben ihren Grund:

Gegenüber von mir nimmt ein alter Mann Platz. Er ist so um die Mitte 70, sein Gesicht ist voller Altersflecken. Sein Handy hält er ca, 5 cm von seinen Augen entfernt; er hört eine Sprachnachricht ab, setzt sich dann vorsichtig quer in die Sitze und hüstelt mehrfach.

Kurz nach der Abfahrt bleibt eine Frau von ca. 30 Jahren vor seinen Füssen stehen und fragt ihn laut „Kann ich mich neben sie setzen?“. Sie bewegt sich stockend und ihre Sprache ist seltsam schleppend. Er hüstelt zwei, drei Mal und schiebt sich schwerfällig auf den Fensterplatz. Sie lässt sich neben ihn fallen, presst ihren Rucksack fest an ihren Parka, dessen Reissverschluss bis unter das Kinn hochgezogen ist.

„Ist ihre Frau nicht da?“ krakeelt sie, ist aber noch immer zu leise für ihn, denn er versteht sie nicht. Also eine Oktave höher und lauter „IST IHRE FRAU NICHT DA?“. „Ich habe keine Frau“ antwortet er. „Ist ihre Frau nicht da?“. „Ich habe keine Frau. Ich hatte nie Lust dazu, Steuerzahler und Arbeitssklaven in die Welt zu setzen.“ „Wo sind ihre Kinder?“ „Ich habe keine Kinder. Habe nie geheiratet. Hatte keine Lust dazu, Steuerzahler und Arbeitssklaven für diesen Staat in die Welt zu setzen.“

Stille.

„Haben sie eine Freundin?“

Oh, mein Gott, denke ich und dass das jetzt bestimmt lustig wird, versenke mich aber sicherheitshalber tiefer in mein Buch, damit ich hoffentlichhoffentlichhoffentlich nicht in das Gespräch hinein gezogen werde.

Völlig unnütz dieser Gedanke, denn für den weiteren Verlauf waren weder ich noch irgendwelche anderen Mitfahrer von Interesse.

Sie: „Sie brauchen nicht sie zu mir sagen. Ich heiße M.“

Er: „So wie Merci. Schokolade. Kleine M., du bist Französin.“

Sie: „Nein. Ich heiße M.“

Er: „Das ist doch ein französischer Name!“

Sie: „Nee, der ist von einer indischen Krankenschwester.

Er: „Ich heiße H.“

Sie: „Wo fährst du hin?“

Er: „In einen kleinen Ort, den wirst du nicht kennen. Sch. bei H.“

Sie: „Zu deiner Frau?“

Er: „Nein. Ich war nie verheiratet, ich wollte keine Steuerzahler und Arbeitssklaven für diesen Staat in die Welt setzen. Ich fahre zu meiner Freundin, die ist pensionierte Lehrerin. Der helfe ich beim Briefeschreiben, denn sie hat einen solch starken Dialekt, dass sie beim Hochdeutschen Hilfe braucht.“

Sie: „Oh, je, Lehrerin. Dann hast du doch eine Frau?“

Er: „Nein, ich wollte nie heiraten, für diesen Staat wollte ich nie Steuerzahler und Arbeitssklaven in die Welt setzen.“

Sie: „Wenn du eine Freundin hast, dann bist du verlobt.“ Sie stockt und kaut lautstark auf einem Fingernagel.

Er: „Nein, ich bin nicht verlobt, ich wollte nie Arbeitssklaven …“

Sie (empört): „Aber man kann sich doch verloben, heiraten muss man dann doch nicht!“

Er: „Ich bin immer abgehauen, wenn die Frauen vom Heiraten angefangen haben.“

Sie: „Wo wohnst du?“

Er: „In H. Wo kommst du her, M.?

Sie: „Ich war jetzt drei Tage in F. Jetzt fahre ich wieder nach S. Und arbeiten tue ich in M.“

Er: „Was hast du denn in F. gemacht.“

Sie: „Oh, das sage ich dir nicht. Wenn ich dir das sage, denkst du nur ‚geh fort‘.

Er: …

Sie: „Also gut, ich sage es Dir. Ich habe in F. im P##f gearbeitet.“

Er: „Was hast du?“

Sie: „Ich habe im P##f gearbeitet. In so einem, wo man nicht die normalen Sachen macht. Mir hat einer Geld geschenkt und Geld durfte ich nicht nehmen und da bin ich rausgefolgen.“

Er: „Du hast im P##f gearbeitet und dafür kein Geld gekriegt?“

Sie: „Nee. Geld durfte ich nicht haben.“

Er: „Es gibt da was in F., wo man kein Geld dafür bezahlen muss?“

Sie: „Nee, nur an mich nicht.“

Heftiges Nägelkauen.

Er: „Und mit wem wohnst du in S. zusammen?“

Sie: „Mit meiner Mutter. Kann ich mir bei Dir in H. Geld dazu verdienen?“

Er: „Ich bin nur ein kleiner Rentner. In meiner Wohnung ist es kalt. Ich heize nicht.“

Sie: „Ich kann dir heiß machen.“

Sie lässt ihren Rucksack in den Mittelgang fallen, zieht seinen Kopf ganz nah an ihren Reißverschluss, zieht ihn runter, drückt seinen Kopf in die Öffnung und sagt „Ich hab nix drunter an. Die haben mich so schnell rausgeworfen, dass ich drunter nix anhabe. Siehst du, alles nackt.“

Ihr verbales Viagra schießt ihm in die Glieder, denn der Greis sitzt plötzlich stramm und aufrecht wie ein junger Spund, weiland 1961.

Mittlerweile halten wir in M. an und sie zeigt ihm die Einrichtung, in der sie, so sagt sie, morgen wieder arbeiten wird.

Er: „Aber wenn du dafür kein Geld bekommst, wie kannst du dann Bahn fahren?“

Sie: „Ich bin behindert und weil ich einen Ausweis habe, kann ich überall hinfahren.“

Er (begeistert): „Ich bin auch behindert und kann überall hinfahren.“

Er beugt sich an ihr Ohr und flüstert.

Sie (heftig den Kopf schüttelnd): „Nee. Ich bin seit drei Tagen unterwegs. Ich muss auch mal meine Ruhe haben.“

Und dann hielt die Bahn an meiner Haltestelle an.

Alter Schwede. Ich habe schon viel beim Bahnfahren erlebt, gehört, gesehen und auch gerochen, aber das hier, sowas wie das hier, das hätte ich nie für möglich gehalten.

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4 Gedanken zu „Mit der Bahn fahren bildet – Heute: Kundenakquise

    • Oh, ja! Weißt Du, erst musste ich mir das Lachen verkneifen, denn die Situation war von Beginn an voller bizzarrer und kruder Komik, welche später absoluter Fassunslosigkeit wich. Ich hätte gerne was gesagt, wusste aber nicht was. Und damit ging es mir bestimmt nicht alleine so. Der Zug war voll, denn es war Feierabendzeit … und je länger es her ist, um so weniger lustiger finde ich selbst den Anfang …
      Herzliche Dir, Ev

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