Zutiefst urmütterlich

Das urmu in Blaubeuren ist in vielerlei Hinsicht ein herausragender Genuss für museal Beflissene und da es mir zu einfach erscheint, in einem Beitrag gleich alles herunter zu beten, was es zu entdecken gibt, erfreue ich mich damit häppchenweise und so verweile ich nun mitten im Zentrum in der Urmütterlichkeit:

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Die Reihenfolge der Ausstellungsräume und -stücke ist eine besonders gelungene Komposition, die zum Entdecken, Staunen, Träumen und zur Auseinandersetzung einlädt und für hier gäbe es für mich tatsächlich kein besseres als dieses eine Wort: Frau.

Genau in der Mitte, da stehen sie, die Repliken all dieser archäologischen Frauenschätze – Mater an Mater, Venus an Venus aus dem Gravettien, und somit zwischen stolzen 28.000 und 23.000 Jahren alt:

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Sie alle aus einer Zeit, die so ganz anders ist als die Moderne in der wir leben – augenscheinlich war es aber schon damals eine Selbstverständlichkeit, etwas Unvergängliches festzuhalten: Die pure Weiblichkeit an sich, denn unübersehbar ist ihnen fast allen eines gemeinsam: Schwere, große Brüste, schwere Bäuche, Pos und Hüften. Das sind keine jungen, zarten Mädchen an der Schwelle zum Frausein, sondern meist Frauen, die geboren, Kinder getragen, Leben weitergegeben haben. Und ebenso augenscheinlich hat wohl gefallen, was man da sah, denn sie stehen alle aufrecht da. Nicht verschämt ihre Massen verbogen bedeckend.

Ich weiß nicht warum, aber sie hier, sie zog mich am stärksten an:

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Unsere Zeit definiert solche Frauen als, vorsichtig ausgedrückt, unschön, krank, fett, dumm, ungepflegt, willensschwach, unverschämt der Gesellschaft gegenüber, als Versagerinnen. Viel zu oft sind hier perverserweise Frauen die aggressivsten Gegnerinnen ihrer so aus dem Rahmen fallenden Geschlechtsgenossinnen.

Im Gegensatz dazu im gleichen Raum auch das schräge Plastikfrauenbild unserer Zeit:

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Zumindest eines ist mal sicher: Barbie & Co werden die nächsten 23.000 – 28.000 Jahren in der Vitrine definitiv nicht so unbeschadet überstehen wie die ganze Materrunde zusammen genommen.

Ich habe hier sehr viel für mein Selbstverständnis mitnehmen können.

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Ein Gedanke zu „Zutiefst urmütterlich

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