Woll normal narrisch

Ja, ja, ja, ich weiß, ich betone seit längerer Zeit immer wieder, dass ich eigentlich nur noch aus meinem Stash stricken möchte. EIGENTLICH. Denn eigentlich fliegt mich dann ab und zu doch eine Wolle, eine Anleitung an, die eben nichts mit meinem Stash zu tun hat und gerade das ist doch das herrliche am Handarbeiten.

Dieses Mal hat es mir diese pastellige Eiscremefärbung angetan und zwar genau für das Poncho-Top nach einer Anleitung von Tanja Steinbach.

Im Sommer 2015 entkam ich schon einmal einer ihrer Anleitung nicht und strickte mir das Tuch Sommernachtstraum/Sundowner nach ihrer Anleitung.

Hier mein damaliger Blogbeitrag vom 08.08.2015 dazu:

Die Strickerin denkt, überlegt, plant, strickt. Sollte man denken. In Wahrheit ist es dann doch immer wieder mal so, dass sie denken, überlegen, planen, stricken möchte, allenthalben aber von einer plötzlich und unerwartet auftauchenden Stricklust überrannt und -stimmt wird, der sie nachgeben muss, will sie nicht das letzte Fädchen Strickverstand verlieren.

Damit in Gänze in die Anleitungen und Garnzurechtlegungen so gemein hineingegrätscht werden kann, braucht es nur ein einziges Bild eines Strickwerks: In meinem Fall des Tuchs Sommernachtstraum – schon das erste reichte für ein Zucken des Strickfingers!

Mir war klar, ich kam nicht dran vorbei, obwohl ich mir schon beim Viajante geschworen hatte: „Kein großes Stricktuch mehr in mindestens diesem Jahr!“ – aber was kümmern mich schon meine Strickschwüre vergangener Tage?!

Richtig.

Nix!

Dieses Tuch wollte ich haben. Unbedingt! Die Frage war nur: Mit welchem Garn? Mich aus meinem Stash zu bedienen lag nah, aber nicht die zündende Idee dazu, weshalb ich mir bei Fischer Wolle in Babenhausen erst einmal das Originalgarn in all seinen Färbungen anschaute und was ich sah gefiel mir gut, aber halt eben nur gut. In der linken Hand hielt ich einen türkisschattierten Wollbobbel, in der rechten einen in Rosa und da tauchten sie plötzlich einfach so vor meinem imaginären dritten Auge auf, die zwei Mondschaf-Stränge, die sich, ohne dass ich das beim Kauf beabsichtigt hatte, so ähnlich sahen, obwohl ich den einen bei der Nadelwelt 2014 und den anderen beim Wollfest 2015 erstanden hatte:

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Einen großen Farbunterschied beim Tuch würde die Verarbeitung der beiden Stränge nicht ergeben, was mir aber wiederum, so fast ein ein bisserl monochrom, sehr reizvoll erschien. Vor allem ein zartes Tuch sollte es werden, eines, das sich mit jeder Bewegung nicht vorrangig farblich verändert.

Die Anleitung

Die Anleitung für den Sommernachtstraum ist von Tanja Steinbach und wurde von ihr als ARD Buffet Sommer Knitalong vorgestellt. Dieser KAL rauschte komplett an mir vorbei, ist aber auch kein Wunder, denn wenn das ARD Buffet im TV läuft, bin ich in der Regel mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Ich sah das Tuch zum ersten Mal bei ravelry und las mich von dort aus in alle weiteren Infos hinein. Die Anleitung gibt es für eine kleinere und eine große Variante, downloaden kann man sie über Tanja Steinbachs Blog.

Ich entschied mich für die kleinere Variante, kann aber jetzt im Nachhinein sagen, dass das Garn auch für die größere gereicht hätte, dann aber hätte das Tuch Dimensionen angenommen, in denen ich regelrecht verloren gegangen wäre 😉 – alles gut so also, wie es jetzt ist.

Die Anleitung selbst ist sehr ausführlich geschrieben, lässt keinerlei Fragen offen, alles kann sehr gut nachvollzogen werden. Vielen Dank Frau Steinbach, dass Sie sie auf diesem Weg frei und offen mit allen Interessenten teilen. Das ist wirklich ganz große Klasse!

Die Ausführung

Gestrickt habe ich das Tuch mit einer 3,5er Rundstricknadel und sehr, wirklich sehr locker, was mir zu Beginn nicht gerade leicht fiel, aber von Reihe zu Reihe besser funktionierte. Besonders jeweils zum Reihenanfang und -ende empfiehlt es sich, noch lockerer als eh schon zu stricken, damit das Tuch zum Ende auch wirklich gut aufgespannt werden kann. Beim Stricken entwickelt sich der Beginn zu einem kleinen Buckel, der sich bei mir zum Schluss nach dem Entspannungsbad und dem Spannen beim Trocknen sehr gut relativiert hat. Bei der Rüsche am Schluss hatte ich dann insgesamt 903 Maschen auf der Nadel, was sich aber mit dem Wechsel von 3 M rechts und 3 M links sehr gut hat abarbeiten lässt. Unerlässlich sind für das Tuch wirklich das Entspannungsbad und das Spannen, wodurch es natürlich noch größer und so wie von mir von Beginn an gewünscht, filigran wird.

Die Garnwahl habe ich nicht einen Moment bereut, die beiden Färbungen harmonieren wundervoll miteinander und da ich die flutschigere Seidenmischung pur mittig verarbeitet habe, rutscht es auch nicht einfach seidig von der Schulter, sondern bleibt dank dem zarten Blue Faced Leicester-Garn sanft dort liegen, wo es hingelegt wird.

Ganze 102 Gramm wiegt mein fertiger Sommernachtstraum. Übrig blieb so von beiden Strängen mehr als die Hälfte, ein weiteres Tuch ließe sich so problemlos noch einmal stricken.

Stricken ist halt doch auch das, was passiert, während man eifrig damit beschäftigt ist, Anleitungen zu wälzen und Garne zu sortieren.

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Kleiner Trabant und großer Planet

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Als gestern Abend die ersten Blutmondbilder auftauchten, war hier bei uns noch nichts davon zu sehen. Unglücklich tigerte ich hin und her, denn nach dem Halleyschen Kometen und der phänomenalen totalen Sonnenfinsternis 1999, wollten wir auch ihn unbedingt sehen, bewundern, genießen.

Irgendwann hielten wir es unsere erfolglose Sucherei Richtung Südost nicht mehr aus und stiegen ins Auto – ab hier wurde es, bis wir wieder daheim waren, doch etwas surreal:

Nicht nur, dass extrem viele andere Leute per Auto auf Mondsuche waren, überall an den Straßenrändern tauchten im Scheinwerferlicht an den unerwartesten Stellen Menschen in mehr oder weniger bekleidetem Zustand auf, weil die Temperaturen auch zu dieser Zeit noch sehr hoch in der Nachtschwüle waren. Den Mond sahen wir noch immer nicht, auch nicht in die unterschiedlichen Richtungen, in die die Mondschwärmer sahen, aber die Mondgucker an sich waren auch nicht uninteressant. Wir fuhren eine große Schleife und da war er auf einmal: Ein ganz verschwommener rötlicher Fleck in der äußersten Kante meines Sichtfeldes, so kurz, dass ich schon dachte, ich hätte mich versehen. Wir hielten an, übrigens rund um uns niemand anderes und da war er wirklich: Rund, ganz zart, so zart, dass er kaum zu sehen war, aber – Hey – da war er endlich der Blutmond mit wie aus spinnwebfeiner roter Spitze überzogen!

Wieder zurück daheim konnten wir ihn endlich vom Balkon aus sehen, erst ihn, dann den Mars. Immer wieder nur kurz, immer wieder weg hinter einer Wolkenbank, die erst verschwand, als als sich der Erdschatten schon wieder vom Mond zurück zog. Ich blieb in dieser Magie sitzen, bis er wieder ganz hell und blank war, der zauberhafte Mond und unten rechts der gleißende, helle, rötliche Mars!

Digitale Blog-Kackophonie

Bloggerei seit 2004. In der ersten Zeit unter „Ev strickt nicht nur“, was allerdings bald zu „Die Farbe Ev“ wurde – allerdings: Alles was vor 2012 lag, verschwand durch Server-Absturz im Inet-Äther. Nach 2-nächtiger Überlegung alles dort gelassen und wie ein frisch bezogener Bettbezug neu angefangen, weil es sich gut anfühlte so. Nicht bereut.

03.02.2012 – 21.09.2016 bei Jimdo die vorherige Die Farbe Ev

Im Zuge des DSGVO-Gewese durchforstete ich erst meinen Blog hier auf mögliche „Schwach“stellen, löschte Verlinkungen und Kommentare, was bei hunderten von Beiträge recht viel Zeit in Anspruch nahm. Nachdem ich hier kurz vor dem Stichtag fertig war, machte ich mich auf die „Re“novierung der vorletzten „Die Farbe Ev“ auf meinen Jimdo-Blog – nur um jetzt, besser: gestern, zu merken, dass ich das, weil noch mehr als die hunderte Beiträge hier, das niemals bis zum Stichtag schaffen würde, den Blog auf „Geschützt“ und zugänglich nur mit Kennwort stellte. Nun ja, jetzt wollte ich mich Beitrag für Beitrag noch einmal durchlesen und stellte fest, dass jeder einzelne fort, weg, nicht mehr vorhanden ist. Irgendwas und irgenwie verdrückte ich mich in meinem Daten-Brass, daran bin ich schon selber schuld. Uff. Zum Glück hatte ich mir vorher eine Sicherungskopie des RSS-Feeds gezogen. Nein, ich mache mir nicht die Arbeit, wieder alles richtig hinein zu setzen. Manches muss einfach losgelassen werden, davon geht die Welt nicht unter und ich für mich kann ja dank des Feeds alles nachlesen, was ich will.

Nun ja, da bin ich:

Mein 1. Blog „ev strickt nicht nur“ bewusst gelöscht.

Mein 2. Blog „Die Farbe Ev“ durch Server-Absturz im digitalen Nirwana unwiderbringlich und -holbar verloren.

Mein 3. Blog „Die Farbe Ev“ durch eigene Dummheit inhaltlich futsch.

Mein 4. Blog ist und bleibt hier 🙂 – vorerst natürlich, denn: Wer weiß, was noch alles kommt!

Tomaten

Der Start für meine selbst ausgesäten Tomatenpflanzen war in diesem Jahr nicht optimal. Erst ziemlich lang kühl und nass und dann quasi von 0 auf 100 Zack Sommer.

Die Stiele der ersten Blüten wurden in ihrem Knick braun, der Rest der verblühten Blüte, aus denen sich die Tomaten bilden sollten, schrumpften in sich zusammen und fielen ab.

In den Jahren vorher wurden sie immer wieder von Insekten besucht, dieses Jahr jedoch waren und sind fast keine auf unserem Balkon unterwegs, weshalb ich damit anfing, jede einzelne Blüte mit einem Pinsel abzu- und zu bestreifen. Funktioniert, wie an dieser schönen, großen Tomate zu sehen, über ihr sind übrigens drei Blütenstiele zu sehen, wo es nicht geklappt hat:

Mittlerweile haben meine Pflanzen einige Fruchtansätze, blühen aber auch noch fleissig. Die Samen dafür habe ich von meinem Mann bekommen, sie waren in einem Tütchen mit der Aufschrift „Alte russische Sorte“, leider ohne genauere Bezeichnung. Heraus kamen zwei unterschiedliche Pflanzenformen: Die eine mit ungezahnten Blättern, die andere mit gezahnten.

Reif sind meine Tomaten noch nicht, zum Glück aber hat der Hofverkauf meines Vertrauens unglaublich aromatische alte Tomatensorten aus Handschuhsheim im Angebot: Gelbe, Rotgrüne und Rote – einfach köstlich und in keinster Weise mit geschmacksneutraler Discounterware zu vergleichen!

Aus fünf großen, gelben, rotgrünen und roten Tomaten wurden „Gelierte Paradeiser mit Estragonrahm“:

Das Rezept dazu stammt aus „Gute Küche – Einfach.Gut.Essen“, Ausgabe Frühling/Sommer 2015 des Magazins, das mit „Ser“ anfängt und mit „vus“ aufhört. Meine Güte, was darf ich in meinem eigenen Blog eigentlich noch schreiben, ohne einen eventuellen Grund zur Abmahnung zu liefern, weil ich irgendwo irgendwas, was sich meiner Kenntnis entzieht, falsch interpretiert, ausgedrückt, geschrieben habe? Dieser Irrsinn des zwangseingezwängten Bloggens zieht mich  sehr runter und wird mich auch weiterhin in diesen Abgrund ziehen.

Sind die Grenzen guter Sitten eigentlich bereits überschritten, wenn ich mich zur Saatgutgewinnung der verwendeten Tomaten bekenne, um sie nächstes Jahr mit meiner eigenen Hände Arbeit auszusäen, aufzubinden, samenzubepinseln (Fuck: Hat vielleicht China auf diese Art der Besamung bereits ein Einzelmonopol und außer ihnen darf das auch niemand mehr machen?!), zu ernten, letztendlich auch noch selber zu genießen? Ist das auch schon verboten?

Essen, einfach ruhig essen, genießen, aufessen, runter schlucken. Tief einatmen. Augen schließen. Schmecken. Genießen. Essen.

Gelesen: „Der vergessene Soldat“

von Guy Sajer aka Guy Mouminoux aka Dimitri Lahache.

„Warum liest du das? Du weißt, dass du danach wieder nicht abschalten kannst. Das ist alles andere als gut für dich.“

„Ich weiß. Ich kann nicht anders. Manche Sachen muss ich einfach aushalten.“

Guy stammte aus dem Elsass, seine Mutter Französin, sein Vater Deutscher, als er 1942, gerade einmal 17-jährig, als Soldat freiwillig der Wehrmacht beitritt.

Dieses Buch berichtet von seinen persönlichen Erfahrungen von da an bis zum Ende des Krieges bis hin, kurz angerissen, seinem Eintritt in die französische Armee.

Der Vater meines Vaters schilderte in unserer Kindheit den 2. Weltkrieg wie ein Abenteuerland für echte Helden, die auf ihren Krads zwischen verschiedenen Einheiten hin und her fuhren, den „Feind“ verwirrten und als „Helden“ ihr „Bestes“ gaben.

Sein Schwager gehörte zu diesen unsäglichen Unmenschen, die vor den Truppen in Russland einfielen, um Dörfer von Partisanen zu „säubern“, ein Massenmörder also.

Was mein Großvater in Russland tat, das weiß ich nicht, ich habe bei offiziellen Stellen nachgefragt, aber es erscheint mir so, dass er es irgendwie mit seinem zivilen Eintritt nach dem Krieg in das Bundeswehrbeschaffungsamt Koblenz seine Akten gesäubert hat und da er dort zu einem, sich aus den kackbraunen Zeiten kennenden, biedermännischen Kollegenkreis gehörte, der immer wieder gemeinsam soff und sein Geld dabei für sonstwas raus haute, erscheint es mir genauso wahrscheinlich, dass nicht nur seine Unterlagen einer gründlichen „Reinigung“ unterzogen wurden. So lange ich atme, wird er nie aufhören, dieser Schmerz, dieser Wut über die Unverfrorenheit, mit der diese Verbrecher sich gegenseitig zu solventen Posten verholfen haben und sich unbehelligt weiter als Saubermänner glorifizieren konnten, durften, um, zumindest wie im Falle des Vaters meines Vaters, ihre kruden und kranken Herrenmenschphantasien an denen ihrer Familienmitglieder auszulassen, die nicht in der Lage waren, sich zu wehren.

Mit Anfang 20 besuchte ich die Felder von Verdun, in denen mein Urgroßvater, der Vater des Vaters meines Vaters, verschüttet wurde. Ein schlichter, ein einfacher und ehrlicher Mann, der seinem Sohn nicht vorlebte, was aus diesem schließlich wurde. Mein Vater erzählte mir von ihm. Davon, was für ein schwer traumatisierter, aber überaus liebevoller Mann er war. Er war für ihn mehr Vater, als es sein eigener jemals auch nur ansatzweise gewesen war. Der Vater meines Vaters war ein übler Sadist und Narziss, dem es, in der gesamten Zeit, in der ich ihn bewusst erleben, zeitweise durchleben musste, niemals um etwas anderes ging, als um die Befriedigung seiner eigenen Gelüste und Wünsche. Er sprach niemals von oder über seine Eltern. Alles, was ich über sie weiß, weiß ich aus den liebevollen Erzählungen meines Vaters. Meine Urgroßmutter starb vor meiner Geburt, mein Urgroßvater kurz danach. Mein Vater hätte viel dafür gegeben, sie, die auf der anderen Seite der Grenze leben mussten, bei sich zu haben. Sein Vater hatte daran kein Interesse.

Was das mit Guy Sajer und seinem Buch zu tun hat?

Alles und nichts.

Guy Sajer kam aus intakten Familienverhältnissen und trotzdem aus einer absolut krankhaft verblendeten Zeit, die Menschen, Mitbürger, auf vielerlei Arten mordete, mit Hass und Übermenschdenken verfolgte, quälte, folterte, zerstörte, vergaste und Kindersoldaten abschlachtete und abschlachten ließ.

In diesem Buch ist drastisch genau dieses Töten, Morden, dieses entmenschlichte Abstumpfen akribisch beschrieben. So akribisch, dass die Worte immer wieder in heftigen Wellen über mir, auf mir zusammenbrachen, so dass ich dachte, das war es, ich leg es weg, ich mag das nicht mehr lesen, nur um dann doch immer wieder eine weitere Seite umzublättern, ein weiteres Worte zu lesen, ein weiteres, noch eins und noch eins, aus Respekt vor jedem einzelnen dieser Wörter.

Gerade jetzt, heute, mit all diesen rechten Auswüchsen, mit der Schamlosigkeit mit der diese Politiker lügen, die Wahrheit verdrehen, betrügen, hassen, sollte ein Buch wie dieses zur Pflichtlektüre in der Schule werden. Deshalb, um zu zeigen, zu was solcher Hass, krankhafter politischer Nationalismus, rechte Hetze, Herrenmenschdenken führen: Zu Gewalt, Mord, Tod, Verstümmelung von Körpern und Seelen, Traumatisierung, Hass, Zerstörung.

Und es sollte nicht nur in Schulen gelesen werden, sondern von sehr viel mehr anderen Lesern. Um Täter vom Verbrämen einer nie stattgefunden Kriegsherrlichkeit abzuhalten, um Eltern bewusst zu machen, wie wichtig es ist, über so etwas zu sprechen, um rechten Auswüchsen und seien sie auch erst noch so klein, deutlichen und klaren Widerstand entgegen zu setzen, um Zeugnis abzulegen.

Transgenerationale Traumaweitergabe heißt, dass Traumata bis in die vierte nachfolgende Generation weitergegeben werden, Einfluss auf unser Leben haben. Das der Opfer. Das der Täter.

Guy Sajers letzte zwei Sätze sprechen davon, dass er diesen Menschen Sajer vergessen muss.

Wie gut, dass er das nicht einfach tat, sondern sich dazu entschied, über das Grauen zu schreiben und das, was es mit ihm anrichtete.

 

 

Rückblick auf die „Klassenprima“

Beim Aufräumen fielen mir einige Ausdrucke aus meinem 2. Blog in die Hände, der, der nach einem digitalen Absturz in den Weiten des www verschwand – ich fühle diesen Text heute noch so wie damals und so gibt es das, was ich 2. Juni 2009 schrieb noch einmal:

 

Klassenprima

Es will mir nicht so recht gelingen, mich an das richtige Jahr zu erinnern. Es war, sag ich mal, 1998.

Klassentreffen mit der 10er-Abschlussklasse. Das erste Mal für mich. Ausgang von der Familie, alleine mit dem Auto zur liebsten Klassenfreundin auf die Alb gefahren. In ihrer grandiosen Dachwohnung mit Blick bis hin auf die Wacholderheide ein Bett für die Nacht danach bekommen.

Aufgeregt gewesen, so kribbelig von den Zehen bis zu den Zähnen, fingernägelknabbernd. Ganz viel gelacht, gegiggelt, immer wieder Sätze mit „Ach, Mönsch, …“ begonnen und auf den damals besten Kumpel von allen gewartet. Umarmt, Erinnerungen ausgetauscht, Bilder gezeigt, erzählt, noch mehr gelacht, nicht mehr ganz so aufgeregt gewesen und dann die Fahrt zur nächsten Freundin, durch den kleiner gewordenen Wald, in die Stadt, um sie gemeinsam abzuholen.

Zu viert angekommen im Lokal, von dem der Koch der Chef und früher der Durchgeknallteste des gesamten Jahrgangs von 10 a bis d gewesen war. Damals trug er nicht nur seine Locken wild, nie ohne Stirnband, sowas wie sein Markenzeichen und sein Lieblingswort war „Keehl“. War vielleicht die Schwäbische Alb-Variante von „Cool“. „Ey, ich sing da bei Rockwurschd und vielleicht werd ich Koch.“ „Keehl, Mann!“

Als wir das allerletzte Mal gemeinsam im Klassenzimmer zusammen saßen, am Morgen nach der offiziellen Verabschiedung brav aufgeräumt hatten und sektseelig eingestimmt, da sagte er, dass er unsere Klassenlehrerin Fräulein H. echt toll fände. „Echt? Keehl!“ Keine Schüler mehr, voller Träume und so vogelfrei zwischen den Pflichten, die nicht mehr waren und denen, die erst noch kommen würden. Alle Wege noch offen.

18 Jahre später dann dieses Lokal in altem Gemäuer, rustikales Holz, angenehm urig. Nur von ihm keine Spur. „Lässt aus der Küche grüßen“, teilte die Bedienung mit den Speisekarten aus. Noch nicht mal die Hälfte von früher war gekommen und so passten wir alle rund um einen großen Tisch. Nach dem ersten grüßenden Gelächter folgte mit dem Tablett der bestellten Getränke so ein betretender Moment der Ruhe, genutzt, um Gesichter und Namen zu sortieren. Ch., unsere Österreicherin, damals zu groß, zu dünn, zu eckig, zu ruhig, zu unauffällig, jetzt groß und dünn und schön & strahlend, selbstbewusst redend und lachend. Die noch immer engelslockige I., damals still, heute still, nur die Augen manchmal lebendig. H., noch größer geworden, ruhig beobachtend, sein Bier genießend. K. nicht da, denn vor Jahren schon mit dem Motorrad tödlich verunglückt. S., nicht nur Klassen- sondern auch noch Jahrgangsbeste gewesen. Noch immer mit Brille, klein, blond. Damals fast überschäumend fröhlich auf alles Neue zugehend, nun mit dem ewig mißbilligenden Mund ihrer Mutter. In machen der Männer und Frauen war der 10er noch gut zu erkennen, bei manchen flackerte er zwischen Essen, Reden, Trinken auf, in anderen war er so erloschen, dass es einfach nur weh tat. Ich weiß nicht mehr, was ich bestellte, aber ganz genau, dass es hervorragend war und mit den Desserts servierte die Bedienung einen Gruß von J. aus der Küche, der schon gegangen war. Irgendwas mit frischen Erdbeeren, saftig & süß, schmeckte nur noch schal und die Stimmung in den Seilen.

Als wir dann gingen, standen wir noch etwas draußen vor dem Eingang und unsere Worte malten Wölkchen in die dunkle Luft der Nacht. Lachend und giggelnd, mit den Händen in den Hosentaschen, da es kühler als erwartet war. Einer nach dem anderen löste sich winkend aus dem Pulk, ein letztes Mal grüßendes Hupen oder aufblitzendes Blendlicht.

S., so hochgelobt damals, der das gesamte Lehrerkollegium eine glänzende Zukunft bescheinigte, die Metzgereifachverkäuferin im Laden ihrer Eltern wurde, weil die Mutter es so wollte, die als Erste von uns heiratete, schon schwanger, die den ganzen Abend fast nur vom Hof ihres Mannes, ihren drei Kindern, die alle Klassenbeste seien und vom Stolz auf ihre unveränderte Figur erzählte, verabschiedete sich von Allen mit Handschlag und mich, mich behielt sie sich zum Schluss auf. Keine Ahnung warum, vielleicht fand sie es „Keehl!“. Sie kam auf mich zu, mit ausgestreckter Hand und dem mißbilligenden Mund ihrer Mutter, unglaublich noch immer kleiner als ich. Sah mich an und sagte mit ausgestreckter Rechter „Ade“ und ich ließ meine Hände in der Jeans auf meinen warmen Hüften liegen. „Wenn du es beim nächsten Mal schaffst, so über mich und mein Übergewicht zu lästern, dass ich es nicht mehr mitbekomme, dann liebe S., dann gebe ich die gerne die Hand. Ja, ich bin dick geworden, fett, um es mit deinen Wort zu sagen, aber ich bin weder dumm noch taub“, lächelte ich ihr ruhig und sehr freundlich entgegen. Lächelnd stand sie weiter vor mir, mit ausgestreckter Hand, lächelnd mit ausgestreckter Hand drehte sie sich irgendwann um, ging zu ihrem Auto, fuhr weg. Ohne Winken, Hupen, blinzelndes Blendlicht.

Auf unserer Fahr zurück fragte mich E. merkbar betreten „Warum hast du so reagiert?“ „Ich bin keine Zehntklässlerin mehr“ und nicht nur meine Hüften waren warm, sondern alles an und in mir, bis ganz tief drin. Warm und lächelnd und ich.


Heute, neun Jahre nach diesem Text, ist in mir drin noch immer alles lächelnd und warm und stünde ich noch einmal vor S., ich würde sie ehrlich, ja, lächelnd begrüßen. Natürlich tat es mir weh, dass sie nicht mit, sondern über mich sprach, fast neben mir, nur durch einen Klassenkameraden voneinander getrennt. Wäre ich heute noch einmal in der gleichen Situation, ich würde sie direkt nach ihrem ersten Satz über mich ansprechen.

Natürlich tat es weh, was sie sagte. Natürlich hatte sie Recht, ich war nicht mehr die untergewichtige 16-jährige von damals, aber sie war auch nicht mehr dieses fröhliche Mädchen mit dieser offenen Art, die alle für sie einnahm. Und natürlich war das traurigste daran, dass gerade aus ihr eine so bittere Frau geworden war.

 

Sommerabend

Zuckerwatte am Himmel und Ruhe füllt mir die Ohren. Nur am Rand kratzt entfernt das metallische Brummen eines Flugzeug in den Süden. So weit weg, dass ich es nicht sehen kann hinter den perlrosa Schleierhaufen.

Eine letzte Wespe quert die Dachkandl und keine einzige Krähe krächzt mehr.

Von links blubbert ein Motorradmotor und gegenüber knallt ein Rollo herunter, während der Angerufene „Ja! Ja!! Ja!!!“ ins Telefon salutiert.

Die Luft knäult sich um Fernsehtöne und ganz leise verwehende Amselliedfetzen.

Müdigkeit kriecht durch meine Fußsohlen empor, metallisch brummt ein Flugzeug in den Norden und die schwindende Dämmerung verduftet blumig zart.

Luxuslüftung

Die alten Waggons mit ihren Schiebefenster sorgen für bessere Insassenbelüftung als die „tollen“ Regio-S-Bahnen, deren Klimaanlage zwar brummt, dich aber beim Aussteigen gut durchgekocht wie ein hartes Ei in die Freiheit entlassen

40 km

auf dem Rad.

Durch Felder, Wiesen, Wälder, Stadt & Asphalt.

Auch auf Wegen, die ich so, obwohl ich hier lebe, bisher noch nicht einmal unbewusst wahrnahm.

Am schönsten dort, wo wir im Schatten fuhren, durch Wald. Ach, bis auf die Städteberührung eigentlich überall.

Immer wieder von Schmetterlingen umflattert gewesen, meist Kohlweißlinge. Durch eine große Spritzwasser-Pfütze neben einem Acker gefahren und so wie als Kind die Füße, die Beine dabei hoch in Richtung Lenker gehoben und gejohlt. Am Mittelpunkt der Autobahnbrücke wie Queen Mum huldvoll den Blechlawinen gewunken.

Trotz der herrlichen Pfütze aber von Anfang bis Ende überdeutlich und traurig die knochentrockene Landschaft wahrgenommen.

Auf den letzten Kilometern, aus dem letzten, kühlen Waldstück hinaus in die heiße Sonne, über eine Schotterstrecke gefahren, die mir unendlich erschien. Ganz vorsichtig, voll Angst und immer mit den Händen an den Bremsen, wegen dem Schutzblech, das mir in einer solchen Situation nach einem Sturz im Oberschenkel steckte.

Bis wir wieder auf ebener Strecke waren, fühlten sich meine Knie und der eine Ellbogen wie mit Scherben gespicktem Pudding gefüllt an.

Ich wusste nicht mehr, wieviel Spaß das Fahrradfahren macht. Aber auch nicht mehr, wie fertig man danach sein kann.