Ein Teil von mir

Dieses Blog ist ein Teil von mir.

Lediglich und nur ein Teil.

Ich schreibe darin über das, was mich bewegt, berührt, abstößt, mitreißt. Über den Teil meines Leben, der sich dadurch bewegen, berühren, abstoßen, mitreißen lässt.

Es gibt Bereiche meines Lebens, über die ich von Beginn an hier nicht schreiben möchte und werde.

Meine Worte kann ich nur so schreiben, wie sie für mich richtig sind; wie sie ankommen, gelesen, interpretiert werden, darauf habe ich keinen Einfluss, denn, auch das bedingt ein Blog: Auf der einen Seite gibt es mich, die Schreiberin, auf der anderen Seite die Leserinnen/die Leser und für die allermeisten bin ich wohl im wahren Leben so unbekannt wie sie mir.

Ich blogge seit 2014. Erst las ich Blogs, dann hatte ich Lust darauf selber zu schreiben. Ich mag es zu schreiben, es macht mir Freude und es tut mir gut. Mir! Ich erwarte nicht, dass Jede/Jeder die/der hier liest, das ebenfalls mit Freude macht. Auf der einen Seite bin ich, auf der anderen Ihr.

Dieser Blog ist ein Teil meines Lebens aber er macht mein Leben nicht aus.

Ich bin völlig frei, vom einen auf den anderen Tag hier die Luken dicht zu machen oder durch z. B. einen Systemabsturz dicht gemacht zu bekommen, was auch schon passierte. Das ist völlig in Ordnung, dann sind die Beiträge halt weg. Ich baue ja mein Leben nicht auf ihnen auf, sie dekorieren (ein besserer Eindruck will mir nicht einfallen) es.

So wie Ihr die Freiheit habt, meine Wörter so aufzunehmen, wie es Euch richtig erscheint, so habe auch im Umkehrschluss die Freiheit, das, was ich auf und in anderen Blogs lese, für wahr oder unwahr anzunehmen, bis mir das Gegenteil bewiesen wird.

Ja, so einfach bin ich gestrickt.

So einfach war die Dame gestrickt, die mich aufgrund meiner Ausdrucksweise für eine Mitakademikerin hielt und dann diese Enttäuschung als ich ihr sagte, dass ich lediglich das Leben studiert habe.

Das Leben ist Aktion und Reaktion.

Das Schreiben ist Aktion und Reaktion.

Die Nachricht, dass Marie Sophie Hingst tot ist, berührt mich überaus.

Ich habe sie nie persönlich kennengelernt, ich las nur ihre Wörter und mit diesen bewegte sie etwas in mir und – immer noch dafür ein ganz großes JA: in Bezug auf die Schilderungen ihrer Familiengeschichte gab es für mich keinen Moment, in dem ich misstrauisch geworden wäre. Ich lasse mich dafür gerne naiv nennen. Auch Naivität macht mich aus. So what?

Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist, dass ich es als völlig korrekt empfinde, dass Journalismus Dingen auf den Grund geht, Finger in Wunden legt, unangenehme Wahrheiten ausspricht und aufdeckt, was nicht heißt, dass auch der Journalismus Unwahrheiten aufsitzen kann. Kein Mensch ist so wissend wie die allwissende Müllhalde. Kein einziger! Die allermeisten von uns, wie auch ich, wissen einen Teil vom großen Ganzen immer erst hinterher.

Ob Herrn Doerry und der Redaktion in Gänze die Problematik von Frau Hingst bewusst war, kann und mag ich nicht beurteilen. Hinterher ist man immer klüger. Auch in diesem Fall.

Das Ausmaß der Häme, die ab dem Moment der Aufdeckung über die Causa Hingst hereinbrach, hat mich schockiert und angewidert. Ebenso wie es mich jetzt anwidert, Mutmaßungen z. B. über die Rolle, die Haltung und das Agieren ihrer Mutter zu äußern.

Da war eine junge Frau. Eine sehr begabte und intelligente junge Frau. Eine, mit einem nicht zu stillendem Hunger nach Wörtern. Eine aus der Wörter flossen, die viele Menschen sehr berührten. Eine junge Frau, die große Probleme hatte. Eine junge Frau die Fehler machte und augenscheinlich auch in Welten lebte, die mit unserer (wohlgemerkt mit unserer, nicht mit ihrer) nichts zu tun hatten. Eine junge Frau, der Hilfe angeboten wurde, diese wohl an- und am Ende ihr Leben wohl selbst in die Hand nahm.

Ich möchte darüber nicht richten. Ich kannte nur ihre Worte. Ich kannte sie nicht persönlich.

Dies ist mein Blog.

Ich schreibe über das, was mich bewegt.

Und ich habe keinen Einfluss darauf, wie das bei der Leserin/beim Leser ankommt.

Dies aber zum Anlass zu nehmen, hier inkognito mit einer lmaa-Mailadresse zu kommentieren über dämlich Weiber-Kommentare auf dem www-archivalisch noch lesbaren Blog von Marie Sophie Hingst, dieses Ausmaß an Hass und Abscheu dahinter, das kann und muss ich nicht verstehen und erst recht nicht tolerieren. Dafür gibt es die Spamfunktion.

Was ich aus all dem mitnehme, ist das Bild ihrer alten Freundin der Wildtaube auf dem Baum in der Nähe vom See und den Rosinen auf dem angeschlagenen Teller mit dem Goldrand.

Es interessiert mich nicht die Bohne, ob es den Garten, den Baum, die Wildtaube, den angeschlagenen Teller und die Rosinen wirklich gegeben hat.

Aber sie hat damit ein Bild in mich gemalt das bleiben wird.

Mein tiefes Beileid all denen die sie kannten und liebten.

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20 Gedanken zu „Ein Teil von mir

  1. Pingback: Familienbande

  2. Ach Ev…
    Hoffentlich verschwinden meine Worte nicht wieder in den Weiten des WWW.
    Ich bewundere dich einmal mehr sehr dafür, die Dinge in ein paar Buchstaben zu pressen und auf den Punkt zu bringen.
    Lass dich hier virtuell mal drücken.
    Herzlicher
    Claudiagruß

  3. mir ging es ähnlich. Und ich empfinde es ebenfalls als unsäglich, wie mit einer jungen Frau umgesprungen wurde, die niemandem etwas zu leide getan hat. Ihre Wahrheiten waren der wirklichen Wahrheit näher als so manche Darstellungen, die ungestraft zirkulieren. Und ihre Phantasien gingen in eine Richtung, die Hochachtung verdienen. Es waren nur Phantasien und keine Taten – die Gründung dieses Waisenhauses, die Aufklärungsarbeit, die Teilnahme am Schmerz der Überlebenden der Vernichtungslager – aber sie gingen in eine Richtung und wurden mit so viel poetischer Feinheit gesponnen, dass es keinen Platz für Häme gibt. Mögen andere wahrmachen, was sie nur gedacht und erdichtet hat.

    • Danke für diesen Kommentar. Du findest die Worte die ich suchte. Und dann ist da ja auch immer noch der Moralkodex der sagt so was darf man aber nicht…. Aber sie hat niemanden geschadet, ausser sich selbst… So sehe ich es auch.

      • Wisst Ihr was mich sehr froh macht?
        Eure Kommentare zu lesen und aufzumerken, was all das in Euch auslöst.
        Das ist die beste Art und Weise, an sie zu denken.
        Danke!

  4. Einen Blog lese ich als Fiktion, nicht als Tagebuch.
    Manchmal fragte ich nach Plausibilität, in der Ich-Erzählung, aus der das Lebensalter der Autorin durch schien.
    Bei ihr sehe ich auch die Historikerin, die nach Yad Vashem, erfundene Opfer meldete.
    Ihren bürgerlichen Namen erfuhr ich durch den Presserummel um „Kunstgeschichte als Brotbelag“, an dem sie nicht unbeteiligt gewesen sein kann, und in dem selbst im hiesiegen Lokalblatt als Historikerin bezeichnet, wurde mit Verweis auf ihr ausgezeichnetes Blog und mit einem Porträtfoto. Die ist das, dachte ich, die hast du mal bei einer Veranstaltung auf dem Podium gesehen.
    Nach dem Spiegelartikel, fragte ich eine Suchmaschine nach dieser Veranstaltung und fand noch andere bei denen sie mit ihrer Erfundenen Biographie und vermutlich gegen Honorar teilgenommen.

    • Ja, als das war Teil von ihr. Ich sage ganz bewusst Teil.
      Selbstverständlich ist ein Blog auch Fiktion, aber nicht nur. Dafür habe ich zu viele Bloggerinnen auch im realen Leben kennengelernt und ehrlich: Hier alles zu fabulieren, das wäre sogar für meine Phantasie zuviel.
      Herzliche Dir, Ev

      • Klar, ein Teil , so ist das auch in meinem Blog. Ein bewusster Teil von mir, in dem ich auch Erlebtes fiktionalisiere. Klar hat, was ich schreibe, viel mit mir zu tun.
        Warum mache ich das so?
        Ich sehe mich nicht, mit Allem, was ich bin, nicht eimal im Spiegel.
        Beim bloggen verfremde ich. Warum? Ich möchte Niemanden aus meinem echten Umfeld im Netz erkennbar machen. Für mein echtes Leben gehört bloggen zur Selbstreflektion. Dabei erfinde ich manchmal neue Wege, die ich im echten Leben später ausprobiere.
        Jeder Weg kann zum Irrweg werden.

      • Ich finde, dass Dein Weg ein guter ist, so wie auch Deine Einstellung. Ein Quentchen Fiktion im autobiographischen ist auch bei mir, aus eben diesen Gründen.

      • Mein Blog ist ein bewusster Teil von mir, in dem ich auch anderere Entscheidungen treffen kann, als ich sie in echt getroffen, Auch ein phantastischer Raum zur Selbstreflektion. Ich bin nicht nicht KM,
        Mir deucht S.H. isr „Read on “ verschmolzen. Warum auch immer.

  5. in ordnung war es sicher nicht, was sie tat. und betrogen hat sie ganz sicher einige menschen, auch wenn nicht alle dem wahrheitsgehalt eines blog beachtung schenken. wäre dieses talent zu schreiben vielleicht doch nicht genug beachtet worden, frage ich mich, wenn ihre figur eine fiktive gewesen wäre? gar so manches mal wollen die menschen gern betrogen werden wenn es um die großen gefühle geht. letztlich sehe ich hier aber kein kapitalverbrechen für das sie am pranger hätte büßen müssen.

    • Liebe Daniela,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und die vielen Denkansätze darin!
      Ich denke nicht, das man gerne betrogen werden möchte, denn das würde implizieren, dass man niemanden mehr trauen dürfte und diese Fähigkeit ist mir eine viel zu wertvolle. Mir würde es nicht gefallen, wenn man jedes meiner Worte erst mal für potentiell unwahr halten würde. Könntest Du mit so einer Einstellung umgehen?
      Sie hat in ihren Beiträgen beschrieben, wie manches besser hätte sein könnte. Sie beschrieb Liebe, Enttäuschung, Schmerz, Vertrauen und damit alle Facetten eines menschlichen Miteinanders.
      Was einen an ihren Beiträgen berührte, muss jeder für sich selbst beantworten; wir alle sind ja nicht eins.
      Die Geschichte ihrer Welt aber vertrat sie nicht nur auf ihrem Blog, sondern auch auf Vorträgen, auch in Bezug auf ihren anscheinenden Hintergrund und da ist eine solche Vermischung von Fiktion und Wahrheit, wenn im Vorfeld nicht darauf hingewiesen wurde, was nicht geschah, schon mehr als nur bedenklich.
      Ich kannte sie nicht persönlich, deshalb werde ich hier über das Warum nicht mutmaßen, da mir das nicht zusteht.
      Bemerkenswert ist, was für unglaubliche grosse Reaktionen im Guten wie im Schlechten ihr Leben ausgelöst hat. Was für groteske Dimensionen das teilweise annimmt, das widert mich zutiefst an und sagt viel über unser aller Miteinander aus.
      Liebe Grüße Dir, Ev

  6. Ich vermute, die “ unglaubliche grosse Reaktionen“, die “ Guten wie im Schlechten ihr Leben ausgelöst“, auch eine Reaktion auf ihre eigenen, medialen Aktivitäten mit ihrer fiktiven Biographie sind. Sie war auch eine erfolgreiche mediale Selbstvermarkterin dieser.Für diesen Weg hat sie sich entschieden.
    Sagt das viel “ über unser aller Miteinander aus.“? Ich glaube nicht.
    Ich entscheide selbst, wieviel ich im Netz „mitspiele“, auch in Sachen „Social Media“. Sie wählte einen anderen Weg.

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