Christian Wolf – Ev. Theologe und Ex-Pfarrer der Leipziger Thomaskirche:

„Noch nie in meinem Leben habe ich auf engem Raum so viele durchgeknallte, esoterisch verklärte, anarchisch-egoistische Menschen gesehen wie heute auf dem Augustplatz in Leipzig. Und wem haben die Bürger*innen Leipzigs das zu verdanken? Zuerst und vor allem denen, die in der Absicht nach Leipzig gekommen sind, ihre Verschwörungs- und Umsturzphantasien auf die Straße zu tragen.“

Einen Grund hat es gebraucht, einen einzigen Grund, um nicht aus der Kirche auszutreten, einen einzigen und dieser Grund, sind die Worte von Christian Wolf über das, was gestern in auf der „Querdenker“-Demo am 07.11.2020 in Leipzig passierte

Das, was sich da gestern zeigte, diese Ansammlung von durch Angst geschürten Hass, um nur einen Punkt zu nennen, hat nichts mehr mit einem Wunsch nach Demokratie, mit Mitgliedern einer Solidargemeinschaft, mit christlichem Verständnis, Realismus zu tun. 

Es wurde kein Abstand gehalten, es wurden keine Masken getragen, es wurde gehetzt, es wurden heilende Zeichen getanzt von Menschen, die gar nicht glauben, dass es einen Virus gibt und es wurde sich nicht geschämt und gescheut Bella Ciao zu singen … 

All diese Menschen, die aufgeputscht von ihrer eigenen Großartig- und Unverletzbarkeit wieder nach Hause z. B. nach Pforzheim, Konstanz, Tübingen, Stuttgart gefahren sind und morgen wieder zur Arbeit gehen, ihre Kinder in den Kindergarten und zur Schule bringen, so als wäre gar nichts gewesen, so als hätten sie nicht trunken von der eigenen wohlstandsverwahrlosten Selbstverliebtheit vor dem Leipziger Hauptbahnhof getanzt und gefeiert, als würde es kein Morgen geben. Wie wird es ihnen gehen, wenn sie merken, dass das Corona-Virus das alles gar nicht interessiert oder gar beeindruckt? Es ist ja auch viel leichter und lustiger, weit weg vom Alltag Menschen vor die Füße zu scheißen, als daheim ins eigene Nest, dort wo einen jeder kennt, dort wo sie mit Menschen, die sie kennen, mit den Fragen konfrontiert werden, ob sie sich nicht schämen, ob sie noch alle Latten am Zaun und alle Schindeln auf dem Dach haben?!

Wohl verstanden, ich wünsche niemandem, dass sie oder er an diesem Virus erkrankt. Auch nicht denen, die „Gesundheit ist sozial“ skandieren oder „Maskenpflicht entbindet von der Verantwortung“ . Ich komme jeden Arbeitstag an einem Mahnmal für Menschen vorbei, deren nicht vorhandene Gesundheit in den kackbraunen Jahren des Faschismus als asozial und damit lebensunwert identifiziert und deshalb durch Spritzen, Nahrungsentzug, medizinischen Experimenten ihrem Leben ein Ende gesetzt wurde. 

Ist es das, was die Quer≠Denker wollen?! Die fehlende Distanz zu all dem hat sich gestern in Leipzig deutlich gezeigt. 

EDIT: Vielen Dank für all Euren Zuspruch, der mich auf anderem Wege erreichte. Es tut mir wirklich leid, dass ich nach Covid-Leugner-Trollerei die Kommentarfunktion einrichten musste … leider gilt für solche Menschen Meinungsfreiheit nur in ihre Richtung, nicht in andere. Zumindest nicht in eine solche, wo nicht von Aufhängen, Erschlagen, Vergasen und mehr gesprochen wird. 

9 Gedanken zu „Christian Wolf – Ev. Theologe und Ex-Pfarrer der Leipziger Thomaskirche:

  1. Liebe EV, wie schon ganz oft hast du mir aus der Seele gesprochen und die Dinge die passieren in treffende Worte gefasst, Ich danke dir dafür. Und ich bin froh dass es Menschen wie dich gibt, die Ihr Können was Denken und Sprache angeht in einem Blog veröffentlichen. Ich profitiere sehr davon, denn es hilft mir meine Gedanken und Gefühle zusammengefasst nachzulesen. Wunderbar, liebe EV. Ich grüsse dich lieb. Petra

    • Oh, Petra, ich umarme Dich von ganzem Herzen – ich habe die ganze letzte Woche mit mir gerungen, ob, was und überhaupt ich schreibe, denn mein Weltbild ist wirklich tief erschüttert. Nachdem aber, was gestern in Leipzig passierte, ging es für mich nicht mehr anders und ich sitze hier und bei Deinen Worten kamen mir die Tränen.
      Ich danke Dir, Ev

  2. Das hast du wunderbar geschrieben ! Dem ist nichts hinzuzufügen !
    Herzliche Grüße Magda

    • Liebe Magda, ich danke Dir sehr und freue mich riesig auf unsere gemeinsame Teilnahme am Blog-Teeadventskalender.
      Herzliche Dir, Ev

  3. Pingback: Die Jeanne d’Arc der Corona-Warner: Karoline Preisler | Die Farbe Ev

  4. Liebste Ev,
    ich wünschte ich hätte Deine Gelassenheit, was diese Covidi… betrifft.
    Herzliche Grüße, Ruthy

    • Ach, Du liebe Ruthy, Danke, ich gebe mir nur ganz grosse Mühe, mich sprachlich nicht auf deren Niveau herab zu lassen.
      Herzliche Dir, obwohl ich gerade ob all dem müde und traurig bin, Ev
      Nie die Hoffnung auf das Gute aufgeben 🍀!

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