Das Grabmal der unbekannten Zuckerbäckerin: 2021 – Das große Jahr der Miniaturen: 24/52 = Herzschmerz

Der schrecklichste Herzschmerz von allen ist der Schmerz, von dem wir beim Tod eines geliebten Menschen fortgerissen werden.

Mit jedem Tod stirbt eine ganze Welt. Genau die Welt des Menschen, der der Tod ein Ende beschert. All die Wünsche, Gefühle, Gedanken, Träume, Intentionen, Lust, Erfahrungen, die Ziele nimmt er mit sich. All die Freude, das Leid, das Lernen, die Verluste, die Liebe, den Schmerz, alle Wörter und Farben. Das Wollen, Ekstase, Gewalt, die Zerstörungen und alles Wertvolle. Bei manchem ist es gut, dass der Tod dem ein Ende setzt. Anderes aus dieser Welt lebt in den Menschen fort, die jene Verschiedenen liebten, bis auch sie nicht mehr sind. Nicht allen ist es vergönnt, danach noch in der Phantasie und in Erinnerungen zu bleiben, so für 2 oder 3 Generationen, so lange halt das lebendige Denken andauern mag. 

Meist sind es die Herausragenden unter uns, die in Wörtern, Taten, Büchern, Bildern in Erinnerung bleiben. Die Allermeisten sinken langsam in die weiche Umarmung des Vergessens. Ihre Namen bleiben auf Grabmälern oder nicht mal mehr solche Spuren.

Die Zuckerbäckerin Ernestine Wilhelmine gehört dazu, deren Kinder die Hefeteige, Pomeranzenschalen, Mohn und Powidel waren. Im Herbst setzte sie sanft mit Honig vermischten Vogelbeerlikör für die wertvollen Kehlen der Hofsänger der Königlich-Kaiserlichen-Monarchie an. Leidenschaftlich polierte sie kupferne Reindl und so sehr sie auch eine Tortenmeisterin war, so ist es doch ihr Kleckselkuchen gewesen, nach dem Rezept ihrer nur von uns schon lange vergessenen Großmama, der jung vermählte Hochzeitspaare bei der Feier nach der Trauung selbstvergessen seufzen ließ, oder beim Leichenschmaus serviert, wie ein weiches Pflaster die Tränen aufsog und ihr Salz in Süße verwandelte. 

Was von ihr blieb, was alles überdauerte, ist ein einzelnes Rezept und ein Grabmal ohne Namen.

Objet trouvé aus Älterem und Neuerem, dem Kreuz eines Rosenkranzes mit Perlmutt, getrocknetem Kornelkirschzweiglein und einem alten Rezept, das ich in einem noch älteren Kochbuch auf einem Flohmarkt fand. 

Und natürlich darf – wie immer – dieser freundliche Hinweis nicht fehlen :

Initiiert und gehostet wird das große Jahr der Miniaturen durch Susanne vom Nahtlust-Blog. Bei ihr könnt Ihr, wenn Ihr auf das dazugehörige Miniaturen-Banner oben auf der rechten Seite ihres Blogs klickt, eine Auflistung sämtlicher Beiträge zu diesem tollen Miniaturenjahr sehen – und wer weiß, vielleicht habt Ihr ja selber Lust, Euch inspirieren zu lassen, um selber mit dabei zu sein?!