Gelesen: „Eierlikörtage – Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 83 1/4 Jahre“

von Hendrik Groen.

Hendrik Groen beschließt vom 01.01.2013 bis zum 31.12.2013 Tagebuch zu schreiben und aus seinem Leben im Altersheim zu berichten.

Er tut das so voller Selbstironie und schonungloser Offenheit, dass ich beim Lesen ihm und seinen Freunden des Alanito(Alt aber nicht tot)-Clubs hemmungslos verfiel und gemeinsam mit ihnen lachte und und weinte.

Trotz Inkontinenz, Demenz, amputierter Anarchie, rigiden Altenheimregeln und Einsparungen im Pflegewesen bewahren sie sich doch soweit als möglich ihre Selbstbestimmung und ihre Freude am Leben, auch wenn das nicht immer komisch und manchmal äußerst grotesk und hoch dramatisch, aber niemals belehrend und oberlehrerhaft ist.

Hendrik Groen ist ein Pseudonym, ich habe keine Ahnung, wer oder was dahinter steckt, es wäre einfach zu schön, wenn es ihn wirklich so geben würde, denn das größte Geschenk und gleichzeitig Botschaft, die das Lesen dieses Buches für mich bereit hält, ist einfach die Hoffnung und die Überzeugung, sich sein Recht zu wahren so zu sein, wie man ist, weil man ja nie weiß, wie alles weitergehen wird!

Ich habe mir also fest vorgenommen, meine bunten Lacklederboots auch mit der 6 vorne dran weiter zu tragen und wenn es geht, dann auch noch mit der 9 davor! Jetzt mit der 5 gibt es bereits so viele Gleichaltrige um mich herum, die schon so Grau, nicht nur äußerlich, sind, und zum Lachen aufs Klo gehen, so wie ich es niemals nie nicht werden möchte!

Und ich habe mir fest vorgenommen, den nächsten der mir mit der Kack-Phrase „50 ist das neue 30“ kommt, zu fragen, ob sie/er eigentlich noch alle Schindeln auf dem Dach hat?! Die 30-jährigen sind demnach wohl die neuen Teenager? Meine Güte, ist es so schlimm, sich mit dem eigenen Alter abfinden zu können? Denn eines ist ja wohl klar: Innendrin fühle ich mich garantiert nicht älter, aber der Körper außen, der altert einfach und das ist nicht immer schön, wovon meine Arthrosefinger ein krummes Lied singen können, aber immerhin habe ich im Gegensatz zu meinen Großmüttern, als sie so alt waren wie ich jetzt, noch kein Gebiss im Mund, sondern meine eigenen Zähne. Wenn das mal nix ist um weiter nicht nur in Äpfel feste zubeißen zu können und mein Leben so zu leben, wie ich es möchte. Ich habe doch nur dieses eine.

Kleine Alterungsanekdote:

Kurz vor meinem 40. Geburtstag fühlte sich eine silikonierte Mitarbeiterin bemüssigt, mich darüber aufklären zu müssen, dass, damit bei mir nicht auch alles mit 40 vorbei wäre, es nun Zeit für eine ästhetische Op und ein komplettes Bekleidungsmakeover wäre, denn wenn nicht, dann wäre eben alles rum bei mir ab 40, wo mein vorperativer und kleidungstechnischer Zustand doch eh bereits jetzt nicht zum Besten stände.

Manchmal aber sollte man einfach nicht vergessen, dass man sich oft zwei Mal im Leben begegnet.

Rum ist rum, vorbei halt. Touché. Aber sowas von!

 

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Schoppel – Knit the Cat 09 – White Moments

SchoppelNo9

In Sachen Schoppel Wolle wiederhole ich mich äußerst gerne immer wieder voll Überzeugung, wie schon hier z. B. bei Knit the Cat 08 – We are color.

Ja, für mich sind und bleiben alle bisherigen, wie auch das aktuelle Schoppel-Magazin, wirklich in Qualität, Inhalt, Machart auf dem deutschen Strick- und Handarbeits-Magazin-Markt unerreicht!

Ja, tatsächlich, wie im Vorwort von Gerhard Schoppel zu lesen: „Wolle kann auch High Fashion sein“ – auch Heft No. 9 ist der beste Beweis dafür.

Durch das ganze Heft zieht sich das Thema „Weiss“ gleichsam als roter Faden, lässt so die Modelle strahlen und präsentiert sie völlig unaufdringlich und sehr kunstvoll aufs Beste. Hier bei ravelry findet Ihr sie komplett alle. Meine bisherigen Favoriten sind: Altes Rom, Zora in Red, Shegra, Evanton, Autumn Tints, Hund „Olivier“ und Vortex.

Selbst wenn ich kein Modell nachstricken wollen würde, hätte ich das Heft doch mit nach Hause genommen, einfach weil es rundum schön und voller Inspiration ist. Ein solches Konzept beginnt bereits bei der herrlich festen Papierqualität, die Modelle erwähnte ich bereits, dazu gibt es aber auch noch ein intensives Portrait der Schäferei Stotz von der Schwäbischen Alb und des in Japan lebenden Designers Bernd Kestler – beide Berichte sehr lebendig geschrieben, was Lust und Neugier auf mehr Informationen macht.

Tja und als letztes dann der Preis: 6,95 €. Tatsächlich und lediglich 6,95 € – unschlagbar günstig!

Also, Herr Schoppel, auch wenn ich mich wiederhole: „CHAPEAU“ und Danke für all Ihre Kreativität!

 

Herbst-Holunderelfe

Herbstholunderelfe

Einfach nur wieder wunderschön ist die aktuelle Herbstausgabe der HOLUNDERELFE, die dieses Mal unter dem für mich so wichtigem Thema „Waldspaziergang“ steht ♥.

Gewohnt randvoll mit unterschiedlichsten Themen ist sie mit Anleitungen und vielfältigen Infos zu Pflanzen, Kräutern, Brauchtum & Handwerk.

Ich werde mir wieder viele Tage lang Zeit für das Lesen der einzelnen Artikel nehmen, die Bilder und die Anregungen genießen und daraus ganz viel für mich mitnehmen.

Auch diesem Heft ist in Layout und Machart ganz genau anzumerken, wieviel Liebe zum Detail und Herzblut darin steckt – wirklich rundum ein Genuss!

Gelesen: „Am Ende aller Zeiten“

von Adrian J. Walker.

Sehr bewegende Dystopie!

Im großen Ganzen geht ein vernichtender Meteoriten- oder Asteroidenschauer (mindestens – ob und wie weit bleibt im Unklaren) auf die Britischen Inseln nieder, der die Menschen unausweichlich, aber mehr oder weniger unvorbereitet trifft.

Im Speziellen geht es darum, was das für Edgar, seine Frau und ihre zwei kleinen Kinder bedeutet.

Im Besonderen aber für alles rund um Edgar herum.

Die Erzählung besticht durch das, was ich gerne als „nicht verschwiemelt“ bezeichne,.Sie ufert nicht ins Endlose aus, sondern bleibt klar und ohne viel Gefasel stringent bei ihrer Hauptfigur, wodurch alles was passiert sehr gut nachvollziehbar ist.

Die Auswirkungen dieser Katastrophe kratzen das weg, was wir allgemein hin als Zivilisation bezeichnen und legen all das Gute aber auch Böse in den Menschen frei, denen es primär nahezu nur noch um das blanke Überleben geht. Was das ohne Strom, fließendes Wasser, Lebensmittel, intakte Räume, medizinische Versorgung bedeutet, darüber mag jeder für sich nachdenken und daraus seine Schlüsse ziehen.

Edgars Suche nach seiner Familie hat Erfolg, was aber nicht mit einem Happy End, wie man es sich nach all dem für ihn wünschen würde, gleichzusetzen ist.

Definitv: Lesen!

 

Gelesen: „Geständnisse“

von Kanae Minato.

Japanische Anatomie, dazu Aktion und Reaktion eines Mordes an einem kleinen Mädchen.

Diese Erzählung hat mich mit sich gerissen!

War ich noch zu Beginn sehr verwundert über die Einblicke in das japanische Seelenleben, die sehr tief in sich soziale Verknüpfungen, Erwartungen und Respekt dem Gegenüber über die eigenen Schmerzgrenzen hinweg beinhalten, so wurde mir im Fortgang der Geschichte immer klarer, dass unsere europäische Gesellschaft in den Grundzügen nicht anders tickt.

Absolut unerwartet der kompromisslose Schlusspunkt.

Ganz großes Lesekino!

Verliebt in Emerenz

Liebe Emerenz,

welch eine Schande, denn mein Magen entdeckte Dich vor meinem Herzen.

Einkehren wollten wir in das Wirtshaus, das Deinen Namen trägt und Dein Geburts- und Elternhaus war, bereits im letzten Jahr, doch daraus wurde leider nichts, da uns ein unerwarteter Kummerfall vorzeitig nach Haus trieb.

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Dieses Jahr aber sollte es klappen – sollte, hätte uns nicht schon im Voraus das Weltweitnetz darauf hingewiesen, dass ausgerechnet in jener Woche sommerpausig – und ganz sicher verdientermaßen – die Eingangstür verschlossen bleiben würde. Bedauert hat das ob der wenn-weg-dann-weg-Küche nicht nur mein Magen, dieses selbstnützige Luder.

Zu diesem Moment hatte ich mir bereits die ersten Deiner Worte entdeckt:

Stoßseufzer

Hätte Goethe Suppen schmalzen,

Klöße salzen,

Schiller Pfannen waschen müssen,

Heine nähn, was er verrissen,

Stuben scheuern, Wanzen morden,

Ach die Herren,

Alle wären 

Keine großen Dichter worden.

Du hast von Beginn an gerührt, berührt.

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Wie magst Du gewirkt haben, inmitten des dörflichen Gasthauses mit Deinem Talent? Herausgestochen hast Du, bestimmt heimlich, höhnisch, argwöhnisch beäugt, denn das, was man nicht kennt, verlacht man misstrauisch hämisch schnell. Besonders zu einer Zeit und in einer Struktur, als Frauen nicht viel mehr zugestanden wurde, als das Eigentum ihres Mannes, ihrer Familie zu sein. Fleissig, gehorsam, allzeit bereit.

Wenn sich ein Weib aus der Herde hebt
Wenn sich ein Weib aus der Herde hebt
Und nicht nach der alten Schablone lebt,
Dann soll’s von der Menge gesteinigt werden,
Wie es Gesetz ist und Brauch auf Erden.

 

Doch gab man ihm eine Gnadenfrist,
Solang es jung und sauber ist,
Erst wenn sich’s zur alten Jungfrau entwickelt,
Wird es gekreuzigt, darauf zerstückelt.

 

Und hat sich ein Mann ein Weib erwählt,
Das mehr versteht als er von der Welt,
Mag es sein Haus sonst auch wohl verseh’n,
Der Scheidung soll nichts entgegensteh’n.

 

Denn der Mann sei weise, das Weib sei dumm,
Solch alte Gebote stößt man nicht um,
Heißt doch in jedem Fall er der Ernährer,
Auch wiegt sein Gehirn um einiges schwerer.

 

Und wenn von dem Alten Testament,
Man sonst schon das meiste erlogen nennt,
Die eine Wahrheit bleib unberochen:
Gott schuf die Eva aus Adams Knochen.

 

Zuviel ist dem Weibe bereits erlaubt,
Die Türkin trägt heut noch im Sack ihr Haupt.
Hier will sie Arzt sein und Pillendreher,
Lehrer, Jurist und Schaltersteher.

 

Gefährdet durch Weibes Intelligenz
Ist heut der Männer Existenz,
Ihr Ansehen flieht wie der alte Glaube
An ihre Kraft und ans Glück der Haube.

 

Doch tausend noch halten am alten Recht
Und schreien: Nieder mit dem Geschlecht,
Dem dritten, Wolzogens‘ Kampfgenossen,
Es sei verachtet, verfemt, verstoßen.

 

Ja, fort mit jeder, die emanzipiert,
Auf selber gebahnten Pfaden irrt,
Man schichte Scheiter, man werfe Steine,
Denn die Welt schuf Gott, für den Mann alleine.

 

Wie magst Du hinaus geschaut haben, aus dem Gasthaus, in das Dorf, die Menschen um Dich herum? Ganz sicher mit Verstand, aber auch vorsichtig und mit dem gesunden Misstrauen aus dem Wissen heraus, es vielleicht nicht zu wollen aber einfach zu sein. Du, die als Naturwunder bezeichnet wurde.

Emerenz, ich stand in Passau vor „Zum Koppenjäger“ was Deine Künstlerkneipe sein sollte. Ein Traum, der sich leider nicht erfüllte.

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Heute hättest Du es damit leichter – heute sind Querdenker, Pardiesvögel, Aufdenpunktbringer nicht von Natur aus verfemt, dem gesellschaftlichen Bodensatz gleichgesetzt. Ob man Dein Genie zu schätzen gewusst hätte? Bestimmt. Daran glaub ich ganz fest. Du, die von sich voller Bestimmung sagte „fürchterlich radikal gesinnt“ zu sein. Du, die sich nie vor harten Worten gescheut hat, aber auch ganz zart sein konnte:

Spinnabend
Die Stub‘ ist warm, der Span loht auf,
Nun laßt die Räder kreisen!
Der Bube legt die Zither auf
Und singt die alten Weisen.

 

Singt von der toten Müllermaid,
Vom jungen Königssohne,
Von scheuer Schmuggler Lust und Leid
Und von der Schlangenkrone.

 

Die Stube wird zum Märchenland,
Das Spinn- und Zauberrädchen,
Dran Spinnen sich ein Fee’ngewand
Die traumbefang’nen Mädchen.

 

Die Zither klingt, das Lied erschallt,
Die Spinnerinnen lauschen
Und um das Haus der Nordsturm hallt,
Im Schnee die Wälder rauschen.

 

Emerenz, Deine Gedichte, Deine Erzählungen, das, was Du uns von Dir hier gelassen hast, sind von zeitloser, treffsicherer Wahrheit. Du hast Finger auch in politische Wunden gelegt, die sich nie geschlossen haben, dies vielleicht nie tun werden, solange Menschen atmen. Aber Du warst Dir auch der Schönheit der Natur, die Dich umgab, überdeutlich bewusst. Welch ein seltenes Talent!

Ich stand vor  dem umzäunten Gärtchen, mit den Händen auf dem Holz und lauschte mit geschlossenen Augen auf die Kopfsteinpflastergeräusche davor und die des Hauses dahinter und versuchte mir vorzustellen, dass auch Du einmal hier genau so standest. Vielleicht auch den Regen hinter der schwülen Luft riechen konntest.

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Zuletzt hast Du sie verloren, Deine Heimat, sie nie wieder gesehen und es schwer bereut.

Emerenz, wie hättest Du reagiert, hätt ich Dir selber sagen können, dass ich mich in die Kraft, in die Wucht Deiner Worte verliebt habe? In die Trauer, die Wut, die Freude, das Glück, den Schmerz, das Beseelte, den Verlust in ihnen. In Dein Fühlen und Sehen. Dein Leben war so sehr viel härter als wir es uns heute vorstellen mögen und können. Aber es ist und war nicht verloren, auf keinen Fall, denn Du siehst, Deine Kreativität trägt Früchte, wird weitergetragen, ist nicht untergegangen, sondern lebt!

Hättest Du doch aus den Möglichkeiten schöpfen können, die Künstlern heute offen stehen. Aber vielleicht ist dieser Gedanke müssig. Vielleicht hättest Du heute in sehr viel stärkerem Maße darum kämpfen müssen gehört zu werden und im Gedächtnis zu bleiben, als eine so sondermaßen Talentierte, die Du warst.

In memoriam Emerenz Meier, geboren 1874 in Schiefweg/Bayerischer Wald, gestorben 1928 in Chicago/USA.

Holunderelfe

Über das Blog Lebendige Handarbeit und zwar, um es genau zu sagen, über diese herrliche Freiform Mütze mit Kringel, entdeckte ich die Zeitschrift Holunderelfe und – keine Frage, ich habe ein großes Herz für kreative Individualisten – musste ich die ersten beiden Ausgaben unbedingt bestellen, was ich absolut nicht bereue:

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Die Zeitschrift selbst erinnert mich an Das Lavendelschaf, an dem ich von 2005 bis 2010 mitschreiben durfte, woran ich mich mit sehr viel Freude erinnere und alle meine Ausgaben weiter als großen Wissens- und Informationsschatz hüte.

Trotz den Ähnlichkeiten steht die Holunderelfe nichtsdestotrotz ganz für sich selber auf beiden Beinen und ich bin schon sehr gespannt auf die nächste Ausgabe, die ich mir unbedingt auch wieder bestellen möchte.

P. S.: Die Sommerelfe kann jetzt bereits bestellt werden ;)!