Verliebt in Emerenz

Liebe Emerenz,

welch eine Schande, denn mein Magen entdeckte Dich vor meinem Herzen.

Einkehren wollten wir in das Wirtshaus, das Deinen Namen trägt und Dein Geburts- und Elternhaus war, bereits im letzten Jahr, doch daraus wurde leider nichts, da uns ein unerwarteter Kummerfall vorzeitig nach Haus trieb.

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Dieses Jahr aber sollte es klappen – sollte, hätte uns nicht schon im Voraus das Weltweitnetz darauf hingewiesen, dass ausgerechnet in jener Woche sommerpausig – und ganz sicher verdientermaßen – die Eingangstür verschlossen bleiben würde. Bedauert hat das ob der wenn-weg-dann-weg-Küche nicht nur mein Magen, dieses selbstnützige Luder.

Zu diesem Moment hatte ich mir bereits die ersten Deiner Worte entdeckt:

Stoßseufzer

Hätte Goethe Suppen schmalzen,

Klöße salzen,

Schiller Pfannen waschen müssen,

Heine nähn, was er verrissen,

Stuben scheuern, Wanzen morden,

Ach die Herren,

Alle wären 

Keine großen Dichter worden.

Du hast von Beginn an gerührt, berührt.

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Wie magst Du gewirkt haben, inmitten des dörflichen Gasthauses mit Deinem Talent? Herausgestochen hast Du, bestimmt heimlich, höhnisch, argwöhnisch beäugt, denn das, was man nicht kennt, verlacht man misstrauisch hämisch schnell. Besonders zu einer Zeit und in einer Struktur, als Frauen nicht viel mehr zugestanden wurde, als das Eigentum ihres Mannes, ihrer Familie zu sein. Fleissig, gehorsam, allzeit bereit.

Wenn sich ein Weib aus der Herde hebt
Wenn sich ein Weib aus der Herde hebt
Und nicht nach der alten Schablone lebt,
Dann soll’s von der Menge gesteinigt werden,
Wie es Gesetz ist und Brauch auf Erden.

 

Doch gab man ihm eine Gnadenfrist,
Solang es jung und sauber ist,
Erst wenn sich’s zur alten Jungfrau entwickelt,
Wird es gekreuzigt, darauf zerstückelt.

 

Und hat sich ein Mann ein Weib erwählt,
Das mehr versteht als er von der Welt,
Mag es sein Haus sonst auch wohl verseh’n,
Der Scheidung soll nichts entgegensteh’n.

 

Denn der Mann sei weise, das Weib sei dumm,
Solch alte Gebote stößt man nicht um,
Heißt doch in jedem Fall er der Ernährer,
Auch wiegt sein Gehirn um einiges schwerer.

 

Und wenn von dem Alten Testament,
Man sonst schon das meiste erlogen nennt,
Die eine Wahrheit bleib unberochen:
Gott schuf die Eva aus Adams Knochen.

 

Zuviel ist dem Weibe bereits erlaubt,
Die Türkin trägt heut noch im Sack ihr Haupt.
Hier will sie Arzt sein und Pillendreher,
Lehrer, Jurist und Schaltersteher.

 

Gefährdet durch Weibes Intelligenz
Ist heut der Männer Existenz,
Ihr Ansehen flieht wie der alte Glaube
An ihre Kraft und ans Glück der Haube.

 

Doch tausend noch halten am alten Recht
Und schreien: Nieder mit dem Geschlecht,
Dem dritten, Wolzogens‘ Kampfgenossen,
Es sei verachtet, verfemt, verstoßen.

 

Ja, fort mit jeder, die emanzipiert,
Auf selber gebahnten Pfaden irrt,
Man schichte Scheiter, man werfe Steine,
Denn die Welt schuf Gott, für den Mann alleine.

 

Wie magst Du hinaus geschaut haben, aus dem Gasthaus, in das Dorf, die Menschen um Dich herum? Ganz sicher mit Verstand, aber auch vorsichtig und mit dem gesunden Misstrauen aus dem Wissen heraus, es vielleicht nicht zu wollen aber einfach zu sein. Du, die als Naturwunder bezeichnet wurde.

Emerenz, ich stand in Passau vor „Zum Koppenjäger“ was Deine Künstlerkneipe sein sollte. Ein Traum, der sich leider nicht erfüllte.

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Heute hättest Du es damit leichter – heute sind Querdenker, Pardiesvögel, Aufdenpunktbringer nicht von Natur aus verfemt, dem gesellschaftlichen Bodensatz gleichgesetzt. Ob man Dein Genie zu schätzen gewusst hätte? Bestimmt. Daran glaub ich ganz fest. Du, die von sich voller Bestimmung sagte „fürchterlich radikal gesinnt“ zu sein. Du, die sich nie vor harten Worten gescheut hat, aber auch ganz zart sein konnte:

Spinnabend
Die Stub‘ ist warm, der Span loht auf,
Nun laßt die Räder kreisen!
Der Bube legt die Zither auf
Und singt die alten Weisen.

 

Singt von der toten Müllermaid,
Vom jungen Königssohne,
Von scheuer Schmuggler Lust und Leid
Und von der Schlangenkrone.

 

Die Stube wird zum Märchenland,
Das Spinn- und Zauberrädchen,
Dran Spinnen sich ein Fee’ngewand
Die traumbefang’nen Mädchen.

 

Die Zither klingt, das Lied erschallt,
Die Spinnerinnen lauschen
Und um das Haus der Nordsturm hallt,
Im Schnee die Wälder rauschen.

 

Emerenz, Deine Gedichte, Deine Erzählungen, das, was Du uns von Dir hier gelassen hast, sind von zeitloser, treffsicherer Wahrheit. Du hast Finger auch in politische Wunden gelegt, die sich nie geschlossen haben, dies vielleicht nie tun werden, solange Menschen atmen. Aber Du warst Dir auch der Schönheit der Natur, die Dich umgab, überdeutlich bewusst. Welch ein seltenes Talent!

Ich stand vor  dem umzäunten Gärtchen, mit den Händen auf dem Holz und lauschte mit geschlossenen Augen auf die Kopfsteinpflastergeräusche davor und die des Hauses dahinter und versuchte mir vorzustellen, dass auch Du einmal hier genau so standest. Vielleicht auch den Regen hinter der schwülen Luft riechen konntest.

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Zuletzt hast Du sie verloren, Deine Heimat, sie nie wieder gesehen und es schwer bereut.

Emerenz, wie hättest Du reagiert, hätt ich Dir selber sagen können, dass ich mich in die Kraft, in die Wucht Deiner Worte verliebt habe? In die Trauer, die Wut, die Freude, das Glück, den Schmerz, das Beseelte, den Verlust in ihnen. In Dein Fühlen und Sehen. Dein Leben war so sehr viel härter als wir es uns heute vorstellen mögen und können. Aber es ist und war nicht verloren, auf keinen Fall, denn Du siehst, Deine Kreativität trägt Früchte, wird weitergetragen, ist nicht untergegangen, sondern lebt!

Hättest Du doch aus den Möglichkeiten schöpfen können, die Künstlern heute offen stehen. Aber vielleicht ist dieser Gedanke müssig. Vielleicht hättest Du heute in sehr viel stärkerem Maße darum kämpfen müssen gehört zu werden und im Gedächtnis zu bleiben, als eine so sondermaßen Talentierte, die Du warst.

In memoriam Emerenz Meier, geboren 1874 in Schiefweg/Bayerischer Wald, gestorben 1928 in Chicago/USA.

Holunderelfe

Über das Blog Lebendige Handarbeit und zwar, um es genau zu sagen, über diese herrliche Freiform Mütze mit Kringel, entdeckte ich die Zeitschrift Holunderelfe und – keine Frage, ich habe ein großes Herz für kreative Individualisten – musste ich die ersten beiden Ausgaben unbedingt bestellen, was ich absolut nicht bereue:

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Die Zeitschrift selbst erinnert mich an Das Lavendelschaf, an dem ich von 2005 bis 2010 mitschreiben durfte, woran ich mich mit sehr viel Freude erinnere und alle meine Ausgaben weiter als großen Wissens- und Informationsschatz hüte.

Trotz den Ähnlichkeiten steht die Holunderelfe nichtsdestotrotz ganz für sich selber auf beiden Beinen und ich bin schon sehr gespannt auf die nächste Ausgabe, die ich mir unbedingt auch wieder bestellen möchte.

P. S.: Die Sommerelfe kann jetzt bereits bestellt werden ;)!

Heidelberger Lieblingsplätze: WortReich

WortReich, Blumenstraße 25 in der Heidelberger Weststadt ist mir der liebevollste Bücherladen überhaupt!

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Hier gibt es Kunst, wundervolle Bücherdamen, herrliche Papeterien – kurz, es gibt nichts, was mein heißes Leserherz nicht begehren würde.

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Du weißt nicht wo die Blumenstraße ist? Kein Problem, denn sie kreuzt sich mit der Kleinschmidtstraße, wo Du in der Bio-Eismanufaktur das, wie ich finde, kreativste und beste Eis im gesamten Umkreis bekommst:

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Wenn Du mit dem Eis in der Hand wieder raus auf den Gehweg kommst, guckst Du einfach linker Hand die Straße hoch und da kannst Du es schon sehen, mein Bücherparadies:

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Heidelberg, Du meine Lieblingsstadt ♥!

Gelesen: Ein Stück vom Himmel

von Claudie Gallay.

Die Essenz dieses Romans ist das Warten.

Das Warten auf Curtil, den Beginn der Schuld, das Ende der Schuld, das Erblühen der Liebe, auf den Mann der Schwester, die Veränderung der Gemeinde, immer wieder auf die Antwort nach der Frage der Schuld, auf die Lösung der Rätsel.

Es geht um die Sehnsucht, etwas zu tun, was man sich vor vielen Jahren versagte. Die Fähigkeit eines Kusses, Liebe mit der Seele zu machen.

Es ist eine leise Erzählung. Unspektakulär, die doch ein heimeliges Wiederfinden in sich birgt.

Und Hoffnung. Vor allem Hoffnung, die der Enttäuschung trotzt.

Gelesen: Mein Herz in deinem weiten Land

von Sanna Seven Deers.

Die gebürtige Hamburgerin beschreibt in ihrer Autobiographie, wie sie in Hamburg den Künstler und späteren Ehemann David Seven Deers kennen- und lieben lernt.

Zusammen fassen sie den Entschluss, ihr Leben im Land seiner Geburt und Heimat mit ihrer eigenen Familie zu leben.

Mittlerweile haben sie vier Kinder und sind fest auf ihrem Land in Kanada verwurzelt.

Näheres zu Sanna Seven Deers findet sich viel ausführlicher auch HIER auf ihrer Homepage.

Ich ziehe meinen Hut vor der bisherigen Lebensleistung beider!

Dieses Buch beschreibt ihre gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnisse sehr intensiv.

Ich weiß um die Probleme der Ureinwohner auf verschiedenen Kontinenten, die ich sehr bedauere und wünsche mir ein ebenbürtiges Miteinander, das leider viel zu oft fehlt! Es gäbe und es gibt für beide Seiten soviel sinngebendes voneinander zu lernen – dies aber ist nur dann möglich, wenn ein Austausch auf Augenmaß stattfindet, zu dem unsere ach so aufgeschlossene Welt einfach nicht bereit ist.

Niemals hättte ich mit diesem Ausmaß an Rassismus gegebenüber der Gemeinschaft der Natives in Kanada gerechnet, der mich sehr entsetzt und erschüttert!

So unendlich vieles ist bereits unwiderbringlich zerstört worden … und das betrifft uns letztlich alle!

Auf dieser Homepage kann man sich näher zu den First Nations in Kanada informieren.

Dieser Tagesspiegel-Beitrag von 2014 zur kanadischen Ölsand-Problematik ist nicht etwa überholt, sondern in seiner Brisanz nun drei Jahre später noch bedrohlicher!

Gelesen: Wandernde Pflanzen

von Wolf-Dieter Storl. Auf dem Cover des Buches ist das wunderschöne Drüsige Springkraut, auch Bauernorchidee genannt, abgebildet. Die Blüten dieser Pflanze sind einfach prachtvoll, wie hier bei dieser zu sehen, die ich vor einigen Jahren in Tschechien am Ufer der Jizera photographiert habe:

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Wolf-Dieter Storl ist Ethnobiologe und Kulturanthropologe mit einer ganz besonderen Ausstrahlung, voller Wissen und großer Weisheit.

Ich habe bereits mehrere Bücher von ihm gelesen, kann ihm nicht in allem folgen, nichtsdestotrotz ist er für mich einer der ganz großen Wissenden unserer Gegenwart, dem ich immer wieder gerne durch seine Publikationen folge. Vielleicht werde ich ja doch einmal das große Glück haben, ihn selber bei einem Vortrag erleben zu dürfen.

Dieses Jahr ist noch nicht einmal zur Hälfte herum, trotzdem aber ist und wird dieses Buch für mich das wichtigste, bereicherndste und berührendeste sein und bleiben.

Herr Storl, der sein Wissen nicht nur in Europa vertiefte, beschreibt auf nachvollziehbarste Art und Weise, wie weltweit zum Teil mit Neophyten umgegangen wird, die sehr oft gar keine sind. Natur ist in stetigem Wandel, nicht nur Menschen, auch Pflanzen wandern dorthin, wo es ihnen möglich ist, zu wachsen und zu gedeihen. DIe meisten von ihnen waren vor langer Zeit hier ansässig, bis sie Klimawandlungen weichen ließen. Diese Neueinwanderer mögen zum Teil verdrängen, wachsen letztendlich auch gerade auf Flächen, die zu besiedeln unseren vermeintlich vom Usprung her rein einheimischen Pflanzenwelt nicht mehr möglich ist. Sie erfüllen dort einen wichtigen Zweck, indem sie den Boden aufbereiten und regelrecht renaturieren. Man denke da mal nur an den Schmetterlingsflieder, der entlang vieler Bahntrassen regelrecht wuchert oder die Kartoffel-Rose, die oft im Trennstreifen zwischen Autobahnspuren gepflanzt wird, da sie die Fähigkeit besitzt, trotz eines starken Salzeinsatzes im Winter gegen Glatteis, zu wachsen und zu gedeihen.

Die Maßnahmen, die gegen endemische Pflanzen eingesetzt werden, ähneln nicht zuletzt auch in gewisser Art und Weise ganz anderen Maßnahmen im Hinblick auf moderne Völker“wanderungen“. Herr Storl setzt sich damit sehr informativ und umfassend auseinander.

Für den, der lernen möchte, der bereit ist, alle Sinne für neue Sichtweisen zu öffenen, ist dieses Buch von unschätzbarem Wert. ich kann nur sagen „Lest – lernt – setzt um“.

Für das einfachste Beispiel komme ich hier wieder auf das bereits oben erwähnte Drüsige Springkraut zurück, das zur großen Familie der Balsampflanzen gehört. Wie die angeriebenen Blätter des Wegerichs, können auch die angeriebenen des Springkraut als ein erstes kühlendes und abschwellendes Mittel bei Insektenstichen verwendet werden. Außerdem stellen die Blüten eine ausgezeichnete Bienen- und Hummelblütenweide dar, in dem sie ihnen bis weit in den Herbst hinein durch ihren Nektar und ihre Pollen Nahrung bietet, wenn viele Felder und Pflanzen schon nicht mehr blühen. Und wen die Pflanze dann immer noch stört, wer sie sich noch nicht mal in eine Vase stellen möchte, der isst mit dem Verzehr ihrer Samen gegen sie an.

Wer möchte da noch von einem feindlichen Einwanderer sprechen, der unserer Flora und Fauna angeblich nachhaltig Schaden zufügen wird?

Ich auf jeden Fall nicht!

Gelesen: Im Herzen des Tals

von Nigel HintonNigel Hinton.

Dieses Buch über ein Jahr im Leben einer Heckenbraunelle habe ich als Geburtstagsgeschenk erhalten und bin sehr froh darüber, denn die Schenkerin wusste ganz genau, dass sie mir mit dieser Erzählung eine große Lesefreude bereiten wird!

Auf der Rückseite wird Elke Heidenreich damit zitiert, dass sie sich nicht daran erinnern könne, in den letzten Jahren ein anrührendes, ergreifenderes Buch gelesen zu haben. Dem kann ich mich nicht anschließen, aber es ist tatsächlich und definitiv anrührend und ergreifend, denn näher heran kann die Schilderung eines Menschen über und an das Leben eines Vogels von unserer Warte heraus nicht kommen.

Das zärtlichste und großartigste daran ist, dass nichts beschönigt und weggelassen wurde.

Ein „Unbedingt lesen!“ von mir für jeden naturverbundenen Menschen.