Kässpatzenblues

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Gibt es ein allgäuerischeres Rezept als Kässpatzen mit Röstzwiebeln?

Gibt es ein anderes adäquates allgäuerischeres Gericht für mich?

Na, füa mi ned!

Spätzle selber kochen und Lage für Lage mit kräftigem Bergkäse, Emmentaler, Weißlacker, Romadur und/oder einem Gemisch aus diesen Käsen abwechseln, im Ofen noch einmal hochziehen und zum Abschluss mit frisch geschmälzten goldgelben Röstzwiebeln bedecken.

Bayrischer Genusshimmel. Da brauch ich nichts anderes mehr!

So einfach, aber auch so einfach zu verhunzen.

Da freute ich mich einen ganzen Tag schon darauf, am Abend in einem wunderbaren Biergarten auf über 900 m Höhe mitten im Allgäu einzukehren, um einen dampfenden Teller dieser Alpenköstlichkeit serviert zu bekommen und dann das:

Drauf Röstzwiebeln, ganz frisch aus der Tüte und drunter lauwarm lätschige Spätzle in einer Käsebechamelsoße und die auch noch eindeutig zu kurz gekocht, denn sie schmeckte nur nach einem: Mehl. Und Fäden ließen sich auch nicht ziehen – ein wahres Kässpätzlesakrileg!

Was für eine kulinarische Enttäuschung.

Aller schlechten Dinge im Laufe der Jahre sind/waren drei, auch bei Kässpätzlen:

Das erste miese Mahl waren Spätzle aus Kartoffelmehl in einer Gaststube in Bad Wimpfen, die es zu Recht nicht mehr gibt. Das allermieseste Mahl war in einer Gaststätte samt angeschlossener Metzgerei in Regen, das meiner Schwiegermutter und mir Darmodrom allererster Kajüte bescherte und nun diese laffe Allgäuteller.

Der Schuster soll ja bei seinem Leisten bleiben und so bleibe ich ab sofort meinem eigenen Spätzlehobel treu, bis ich mich vom Gegenteil überzeugen lasse und noch einen vierten Versuch starte, vom dem ich mir momentan aber nicht mal mehr vorstellen mag, dass und wann er kommen könnte.

Wir haben uns auf jeden Fall mit erstklassigen Käsen aus Allgäuer Privatkäsereien versorgt.

Was glaub ich?

Schwierige Frage.

Schwieriges Thema.

Ich bin protestantisch geprägt aufgewachsen. Einem stolzen Protestantismus, der zutiefst der inneren und gelebten Überzeugung entsprach, der aber nicht kirchlich stattfand.

Ich bin gerne und alleine in die Kirche zum Gottestdienst gegangen, habe an die Zeit des Unterrichts bis hin zur Konfirmation nur gute Erinnerungen.

Ich war in einer katholischen Jugendgruppe, weil es keine andere gab und später in einer sehr überzeugt ökumenisch stattfindenden.

Ich bin immer gerne zum Religionsunterricht gegangen, weil es mir gefiel, dass dort allermeistens offen diskutiert werden konnte. Nur einmal stieß ich in der 8. Klasse auf heftigen Widerstand seitens des Lehrers bei meiner Frage, ob es nicht sein könne, dass der moderne Mensch aus einer Genmutation heraus entstanden ist.

Zweimal in meinem Leben bin ich im wahrsten Sinne des Wortes christlichen Seelsorgern begegnet, die mich tief beeindruckten, noch beeindrucken: Der erste, ich war damals so in der 6./7. Klasse, war ein katholischer, der unsere Schulgottesdienste abhielt. Voller Freude, Schwung, Charisma, Verve. Ich weiß nicht mehr wie er hieß, aber dass er zum Glauben in amerikanischer Kriegsgefangenschaft über die Gottesdienste der farbigen Amerikaner kam und sein Leben fortan daran ausrichtete. Er strahlte eine geradezu fassbare positivste Lebensfreude aus.

Der zweite ist ein evangelischer, der sich seine Entscheidung, diesen Lebensweg zu wählen nicht leicht machte, vor allem auch durch das System, in dem er lebte. Wo der erste regelrecht sprühte, strahlte er eine nahezu hypnotische Ruhe aus. Ja, er ruhte regelrecht in sich selbst mit jederzeit offenen Händen für die Seele gegenüber. In einem Moment tiefster Verzweiflung half er mir nach meinem Hilferuf diese Situation durchzustehen, ohne in Wut und Ärger zu straucheln, sondern auf einen tieferen Sinn zu vertrauen und das, was passierte, zuzulassen, sogar Verständnis statt Hass dafür zu entwickeln.

Das System Kirche war mir bereits zu diesem Zeitpunkt nahezu völlig abhanden gekommen, wären aber nicht hunderte Kilometer zwischen uns gewesen, hätte ich es zumindest probiert, wieder regelmäßig in die Kirche zu gehen.

Das sind meine positivsten Erlebnisse in Bezug auf die Kirche und mich.

Es gibt aber auch noch eine andere Seite:

Ein Klassenkamerad, der ganz kurz vor Weihnachten mit seinem Zweirad auf dem Heimweg tödlich verunglückte und unser Pfarrer, der die Weihnachtspredigt dazu nutzte, den Leichtsinn uns Jüngerer abzukanzeln wegen der Schmerzen, den wir dadurch unseren Eltern zufügen. Da war dieser katholische Pfarrer, der sich nach der Trauung voller Wut mit der Bemerkung „Hätte ich das gewusst, hätte ich sie nie getraut“ abwandte, weil vor der Kirche ein Spalier der befreundeten Motorradfahrer stand. Und da war die ehemalige ökumenische Jugendgruppe, die ich nach vielen Jahren wiedertraf und von dort zu hören bekam „Nein, zwischen Konfessionen darf man nicht heiraten, das ist nicht gottgefällig!“. Nicht gottgefällig? Ich drehte mich um und ging.

Ich gehe weiter gerne in Kirchen, um sie mir anzusehen und bei manchen, so wie der Klosterkirch Lobenfeld, berührt mich etwas, was ich nicht näher beschreiben kann, was aber in mir eine Saite zum Klingen bringt, die mir durch und durch geht. Mag sein, dass diese Räume der Menschen durchtränkt sind, die hier glaubten, hofften, beteten.

Die Institution Kirche aber, egal welche Konfession, ist mir mit den Jahren immer stärker abhanden gekommen. Ich halte es mit Georg Danzers „Gott statt Religion“.

Früher habe ich gesagt, ich bin ein christlich gläubiger Mensch. Heute sage ich von mir, dass ich ein spiritueller Mensch bin. Innerlich hat sich nichts geändert, nur in meinem äußerlichen Umgang. Wobei es bei mir nicht so weit ist, dass ich aus der Kirche austreten möchte, denn meine geleistete Kirchensteuer sehe ich als Beitrag in eine Solidargemeinschaft, die eben auch viel Gutes leistet.

Eine Kirsche, viel Brokkoli

Völlig unerwartet blinkt sich mich an, die Kirsche aus dem Kirschbaum, die unbeschadet das Kirschblütenfrostmassaker. „Ist doch nur ’ne Kirsche“ mag mancher sagen, ist sie für mich aber nicht. Was für eine Freude!

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Eine Kirsche also, aber ganz viel Brokkoli ohne Chemie, der hier nicht in einer Schüssel sondern in einem Wäschekorb liegt:

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Demnächst dann (hoffentlich) zu ernten:

Weintrauben, Himbeeren, Aronia, Chilis, einige wenige Äpfelchen, Goji.

Hätte ich

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Hätte ich wie alle neben mir nur auf meinem Handy gewischt, dann hätte ich sie nicht gesehen, die tief einfliegende Taube mit dem veritablen Stöckchen im Schnabel, die von unten hier in die Baumkrone schlüpfte.

Manchmal sitze ich nur da, schaue zu und wundere mich: Über Menschen, die blicklos, die Straße, die Gleise betreten, vertieft in ihr bewischtes Display. Über Frauen, die wie gebannt auf den Inhalt ihrer Hände starren, während sie Wägen schieben, aus denen Kinder halb heraushängen und versuchen, mit dem Asphalt, ihren Füßen oder Autoreifen zu kommunizieren.

Unglaublich, wie sehr diese multifunktionalen, portablen Telefone unsere Leben, unsere Umwelt und die Art und Weise in ihr zu leben und sie wahrzunehmen, verändert haben. Schon nützlich, für mich vor allem die eingebaute Kamera, aber von der Gesamtheit her sehe ich vieles daran sehr kritisch, mal ganz davon abgesehen, dass da Verknüpfungen entstehen, die auch mir in ihrer Umfassenheit immer wieder neu sind. Im Urlaub schaltete ich aus Gründen erstmals die GPS-Funktion ein, machte später für meinen Mann Photos, war zu abgelenkt, die auf dem Display erscheinende Nachricht gründlich zu lesen, wischte (sic!) sie weg und – schwupps, hast Du nicht gesehen – merkte ich nicht, dass G**gle die Bilder auf seiner virtuellen Landkarte veröffentlichte, was mir erst bewusst wurde, als ich die Mitteilung bekam, ich hätte innerhalb von kürzester Zeit einen Traffic von 5.000 interessierten Ansehern erreicht.

Bitte, wie pervers ist das denn?

Meine Konsequenz daraus: ich lasse es noch viel öfter stecken und überlege mir sehr genaus, was, wie, wo und wann.

Nehme lieber ganz bewusst wahr, was um mich passiert. Sehe, rieche, schmecke, fühle.

Ich weiß nicht, wie Ihr das seht, ich aber bin zunehmend widerständlich angenervt.

 

Was gestrickte Spülis mit Herzenswärme verbindet

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Meine liebe Freundin Anna und ich lernten uns bei einem klitzekleinen Stricktreffen in einem Café kennen. Das war noch ganz zu Anfangszeiten von ravelry. Anna ist bloglos, ich trieb mich bereits seit einigen Jahren in der Strickblogwelt herum.

Anna und mich verbindet nicht nur unsere gemeinsame Leidenschaft für Wolle und Handarbeiten. Da gibt es noch ganz viel mehr. Wir können miteinander Lachen und Weinen, Schweigen. Ohne Masken, einfach so. Weil die eine die andere versteht. Weil die eine weiß, was die andere weiß, weil die eine versteht und die andere auch. Schönes und Schmerzhaftes, Schreckliches. In unseren Leben gibt es viele Parallelen und so musste keine von uns jemals erklären, sondern die eine fing die andere auf. Von gleich zu gleich.

Was das alles mit gestrickten Spülis zu tun hat?

Sehr viel.

Spülis sind seit vielen Jahren immer wieder Thema in Strickblogs, auch in der Zeit, bevor ich Anna kannte. Ich erinnere mich ungern daran, denn als ich das erste Mal von Spülis las, gab es einen regelrechten Kack-Sturm-im-Wasserglas um sie. Es gab da so eine kleine Handvoll selbsternannter Strickintelligenzbloggerinnen, die das Stricken dieser Tüchlein mit dem Querschluss der völligen Verblödung eben dieser Strickerinnen gleichsetzte und sich auch nicht scheute, diese Meinung derbe kund zu tun und diese übel zu mobben. Soviel zum Thema, dass dies rein ein Problem der digitalen Jugend sei, denn jene Damen waren alles, nur nicht mehr so jung, wie man jung sein definiert.

Zum Glück sind diese Zeiten lange vorbei und die meisten von ihnen sind in genau der strickblogtechnische Bedeutungslosigkeit verschwunden, die sie den Spülistrickerinnen prophezeiten. Ja, das Leben kann schon sehr ungerecht sein ;).

Als Anna und ich nach ihrem Urlaub bei mir strickfrühstückten (was für eine herrlich bekloppte Leidenschaft!!!), brachte sie mir als Geschenk zwei wundervolle Spülis in genau meiner Farbe mit, die sie währenddessen gestrickt hatte.

Also wie war das noch mal mit der Gleichung Strickspülis und Herzenswärme?

Ganz einfach:

Strickspülis & Anna = Herzenswärme!

 

 

Streisselhochzeit

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Mein lieber Mann lud mich zu einer Überraschungsfahrt ein.

Was nicht so leicht ist, nicht für ihn, mehr für mich, da Überraschungen und ich nicht wirklich miteinander befreundet sind, was es auch wieder für meinen Mann nicht gerade leicht macht, mich zu überraschen. Aber gut, das Leben ist ja auch dazu da, immer wieder mal die eigenen Einstellung zu überdenken und so setze ich mich ins Auto und ließ mich überraschen, was ihm sehr gut gelang, denn ich wusste bis zuletzt nicht, wohin und zu was wir fuhren.

Wir kamen auf einem Parkplatz außerhalb von Seebach an und schon dort waren vereinzelte Blasmusikfetzen zu hören und während wir Richtung Ort liefen, erzählte mein Mann mir von seinem Kollegen, der wiederum ihm von der wunderschönen Streisselhochzeit berichtet hatte, in die fast der gesamte Ort involviert ist.

All diese Häuser sind zusammen mit ihren Höfen, Nebengelässen, Gärten und Kellern perfekt erhalten geblieben und ganz besonders angetan hatten es mir eben diese Keller, die man zum Teil begehen und besichtigen durfte. Ein solches Ensemble wäre schon immer das Haus meiner Träume gewesen und so war mir das alles eine ganz besondere Freude.

Der Ort an ist Gewähr für das Ambiente des Festes, dafür aber der Streisselhochzeit Leben einzuhauchen, sorgen die in unterschiedlichste Trachten gewandeten Akteure und Teilnehmer, die diese voller Stolz, Anmut und Selbstverständlichkeit tragen, in ihnen singen und tanzen:

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Und auch handarbeiten:

Besonders interessant fand ich dabei den Stickrahmen der Dame ganz rechts im Bild, bei der das Stickbild mit der obersten Leiste aufgerollt wurde.

In den Höfen selber wurde stellten viele Kunsthandwerker ihre Bilder, Metallarbeiten, Schmuck, Keramik und vieles mehr aus:

Apropos Keramik: Ich wurde bei Les Petites Camelotes und ihren entzückenden Knöpfen schwach – unbedingt auch außerhalb der Streisselhochzeit auf Ihrer HP Rast machen!