Gelesen: „Die Farbe von Milch“

von Nell Leyshon.

Es gibt Bücher, die einen direkt aus der Auslage heraus mit „Nimm.Mich.Mit!“ anspringen und so erging es mir mit diesem.

Marys Haare haben die Farbe von Milch und irgend etwas stimmt mit ihren Beinen nicht, was es ihrem Vater leicht macht, seine jüngste Tochter im Alter von 14 Jahren in den Haushalt des örtlichen Pfarrers zu geben. Der Lohn dafür geht an den Vater, nicht an sie. Keine unübliche Praxis, damals im ländlichen England des 19. Jahrhunderts. Nicht nur dort war ein solches Vorgehen, arbeitende Kinder gegen Geld fortzugeben, für die armen Teile der nicht nur Landbevölkerung gang und gäbe.

Mary blieb keine Wahl und hätte sie sie gehabt, wäre sie in ihrem erbämlichen und harten Elternhaus geblieben, besonders für ihren bettlägerigen Großvater im Apfelzimmer, um den nur sie sich so richtig kümmerte.

Mary ist die Autorin ihrer Geschichte und da sie nur die Buchstaben kennt, als Preis für den wiederholten Missbrauch, nicht aber Grammatik und Interpunktion, schreibt sie einfach, aber um so eindringlicher, da schnörkellos und ohne Ausschmückung.

Mary wiederum zahlt ihren Preis und diesen nicht alleine.

Unabdingbare Lektüre für alle, die die ländliche Idylle allzu schwärmerisch und ohne die harte, dreckige Realität dahinter sehen.

 

Die zerrupfte Pute und ihr Saucenwunder

Ja, richtig, wir essen Fleisch.

Fleisch, von dem wir wissen wo es herkommt, Fleisch von Tieren, von denen wir wissen, dass sie aus bestmöglichster Haltung ohne Qual und ohne Massenhaltung, mit sehr viel Auslauf, an frischer Luft und ohne jeglichen Einsatz von Antibiotika, Pestiziden und ohne Mastfutter gehalten wurden.

Ein Lebensmittel, das seinen Preis hat, auf vielerlei Weisen und von dem wir bereit sind, ihn gerne und voller Überzeugung zu zahlen.

Nein, ich werde darüber nicht diskutieren, denn über fleischloses Essen zu reden, Fleischesser zu verdammen und zu meinen, dass man so die Welt retten kann, ist genauso unrealistisch wie die Annahme, dass das Fahren z. B. eines Plug-In-Hybriden per se umweltschonender sei als anderen Alternativen.

Wir essen nicht jeden Tag Fleisch und erst recht keines, das unseren o. a. Kriterien nicht entspricht.

Einmal im Jahr bekommen wir so eine Pute, von der wir alles bis hinunter zu den Knochen für Brühe verwerten, verarbeiten und genießen.

Und doch, seit diesem Besuch auf einem regionalen Putenhof, bin ich beim Kochen und beim Essen jedes Mal traurig und auch jedes Mal dankbar dafür, dass wir damit nichts zu tun haben und auch dafür, dass wir uns den Luxus leisten können, nicht zu allem Ja sagen zu müssen, weil uns die Umstände (oder sehr viel schlimmer: ein zum Glück nicht vorhandenes Desinteresse) keine andere Wahl lassen.

Nichts hat sich dort geändert seit 2016, gar nichts und jedes Mal, wenn ich auf dem Markt am einem dieser mobilen Verkaufsstände vorbei komme, wird mir so schlecht, dass ich mich übergeben möchte.

Aber ich merke gerade, dass ich abschweife, ich weiß eh nicht, ob das irgendjemanden interessiert, es war mir nur danach, das zu unserer Pute zu sagen.

Danke dem Landwirt dafür, dass er seine Tiere so hält, wie es nicht der Markt aber sein Herz wünscht und danke dir, Pute, dafür, dass du uns Nahrung bist.

Und nun zum Rezept.

Zutaten und Zubereitung:

1 Gemüsezwiebel, 4 große Knoblauchzehen

Die Zwiebel schälen, in Scheiben schneiden und den Boden eines (am besten gusseisernen) Bräters (Wichtig: Zum Bräter braucht es einen Deckel) damit auslegen. Darüber die geschälten und längs halbierten Knoblauchzehen.

1,5 kg Putenoberkeule mit Knochen

1 Tl Salz, 1/2 Tl gemahlener Kumin, 1 Tl Piment d’espelette, 1/2 Tl frisch gemahlener schwarzer Pfeffer

Die Putenoberkeule mit den vermischten Gewürzen ordentlich einreiben, dann auf die Zwiebelringe und Knoblauchzehenhälften in den Bräter legen.

Den Backofen auf 130° C Unterhitze vorheizen.

250 ml Brühe (nach Gusto Gemüse-, Fleisch- oder Knochenbrühe), 6 – 8 El passierte Tomaten (wahlweise auch Ajvar oder eine Tomatengemüsemischung möglich), 1 El Dattelsirup (oder Apfel-, Birnen- oder Rübenkraut), 2 El Senf (habe Estragonsenf genommen, aber auch hier Geschmackssache), 1 El Dresdner Worcestershiresauce (muss aber nicht wie meine aus Dresden sein), 1 El Birnenessig (oder Apfel-, Quitte-, ein eher süßer Essig halt, aber Reisessig wäre bestimmt auch passend)

Alles schön miteinander verrühren und dann über das Fleisch gießen, den Deckel auf den Bräter setzen und mittig ab damit in den Ofen. Dort vier Stunden lassen. Nach dieser Zeit war zumindest unsere Keule so butterzart, dass sich das Fleisch ganz weich mit zwei Gabeln auseinander ziehen ließ.

Und was das jetzt alles mit dem Saucenwunder zu tun hat?

Na, alles und nichts:

Der bonfortionöse Gatte ist ein Saucenliebhaber. Ich nicht. Der Gatte mag am liebsten zu allem eine Sauce essen. Ich nicht. Gut, für mich unerlässlich ist der Gulaschsaft, wenn es einen großen böhmischen Semmelknödel gibt und dann auch noch die Saure Sahne-Sauce vom Karnickel zu den Makkaroni, aber das war es dann wirklich schon.

Die (die im Gegensatz zum ersten Photo oben entfettete) Sauce von der Zupf-Pute hat für den Gatten eine zu deutliche Süß-Note, aber – oh Wunder – ich konnt es selbst nicht glauben, mir wiederum hat sie vorzüglich geschmeckt und so aß ich zu den dazu gereichten selbst gemachten Spätzle mehr als wiederum vom Fleisch, das zum Geschmack des Sößles sein Bestes dazu gab.

Oh, ja, das war ein trefflich gutes Mahl!

Jetzt lass doch mal los!

Das ist ein Satz, den ich seit Jahrzehnten immer wieder höre.

Festhalten kann ich gut. Zu gut. Manches Mal (viel zu oft) mehr als es mir gut tut.

Loslassen – in vielerlei Hinsicht – ist nicht meine Kernkompetenz und ich weiß auch gar nicht, ob sie das jemals können werden könnte. Ist auch nicht so wichtig, denn das Festhalten ist ein Teil von mir, den ich (hoffentlich) gerade akzeptieren lerne. Nicht mehr nur in eine Richtung von mir weg, sondern auf mich hin.

Ich halte fest.

An Erinnerungen. Geschichten. Schmerzen. Gefühlen. Angst. Erwartungen. Enttäuschungen. Verantwortung. Dingen. Disziplin. Verletzungen. Pflicht. Träumen. Verdrängung. Gerüchen. Wörtern. Ansprüchen. Wünschen. Wissen. Lernen. Leben. Phantasie. Kreativität. Magie.

Dahinter kann man sich trefflich verstecken und sich selber aus all dem heraus zu schälen, so entblößt und (vermeintlich) schutzlos, das ist schwierig. Staubig. Enervierend. Schmerzvoll. Erblickend. Fühlend. Voller Heulen. Nach dem Schmerz ein gutes Gefühl.

Zum ersten Mal in meinem Leben lasse ich bewusst der Gesundung Zeit und mache (vermeintlich) nichts. Nada. Nothing. Goar nix. Ohne Erwartung an mich. Und noch besser: Ohne Schuldgefühle! Sage nie, das kann ich nicht, das gilt, das weiß ich mittlerweile, nicht nur für die Pflicht, wenn das heißt, die von mir für mich noch nicht mal wahrzunehmen.

Ich hätte nicht gedacht, wie gut sich das anfühlen kann.

So ohne Erwartung auf ein Ergebnis und ein zwanghaft einsetzendes und schambesetztes SchnellSchnell.

Ich bin ich und viel mehr als die Summe der Unvollkommenheiten meines Körpers, der so wie er ist, zu mir gehört.

 

„Die erste Hose“ als Seidenweberei und Gedanken zum Aufheben und Bewahren

Auf dem Flohmarkt, bei dem ich die beiden Weihnachtspyramiden erstand, entdeckte ich kurz vor dem Gehen dieses niedliche, monochrom gehaltene und durch Seidenweberei hergestellte Bild. (Übrigens: Die untere Leiste des Rahmens ist tatsächlich viel breiter als die anderen drei.) Ich fand das Bild ganz nett, dachte aber durchaus länger darüber nach, ob ich es wirklich haben wollte oder nicht. Währenddessen unterhielt ich mich mit dem Verkäufer, der so ungefähr in meinem Alter war und dessen Verkaufstisch nicht besonders voll, dafür aber voller besonderer Einzelteile war. Er erzählte davon, dass er nach dem Tod seiner Mutter ihre Gründerzeitwohnung in Berlin und das historische Zweithaus in Arles, das direkt gegenüber des Amphitheaters lag, auflösen und sich im Zuge dessen von so einigem trennen musste, denn alles hätte er auf keinen Fall behalten können.

Dieses Bild hing an der Wand des Jugendzimmers seiner Mutter und es existiert tatsächlich ein Foto der Familie aus dem Jahr 1910, auf dem es mit abgebildet ist. An der Stelle war mir klar, dass ich es gerne in meiner Kemenate bewahren wollen würde. Gehandelt habe ich nicht, der Preis war wirklich alles andere als hoch und ein Rumgefeilsche erschien mir schon deshalb als äußerst respektlos.

Dass man Krefeld auch die Samt- und Seidenstadt nennt, das war mir bereits bekannt, ob das Bild aber auch hier gefertigt wurde, das weiß ich nicht, naheliegend wäre es allerdings schon.

Vorlage für diese Seidenweberei ist das Bild „The Tea Time“ des britischen Malers Frederick Morgan, der besonders für solche idyllischen Kindheitsszenen bekannt und beliebt war. Das Signet F. Morgan findet sich in der linken unteren Bildecke in der rechten unteren befindet sich ein NF, bei dem sich der rechten senkrechte Strich des N sich diesen Platz mit dem des F teilt.

Tja, der Mann war nicht der einzige Vertreter meiner Generation auf diesem Flohmarkt, der so einen Teil der Hinterlassenschaft der Elterngeneration auflöst.

Ich rechne nicht damit, dass meine Kinder einmal alles von dem behalten werden, was mir lieb und teuer ist und darüber haben wir uns auch schon unterhalten. Kein einfaches Thema, aber ich denke, man darf und kann nicht erwarten, dass alles immer wieder über Generationen weiter gegeben werden kann, denn das würde heißen,  dass man irgendwann regelrecht erstickt würde von den immer größere Umfänge annehmenden Familiengeschichterelikten, ganz zu schweigen von den damit vorhanden moralischen Verpflichtungen. So etwas wäre ja, falls man kein größeres Gutshaus oder gar einen Familienbesitz sein eigen nennt, schon räumlich gar nicht möglich.

Wie haltet Ihr das? Habt Ihr Euch darüber auch schon Gedanken gemacht?

Reparaturbedarf

Genau heute leider in zweifacher Hinsicht.

Zum Ersten sind da die zwei alten, reparaturbedürftigen Weihnachtspyramiden aus dem Erzgebirge, die ich auf einem Flohmarkt entdeckte:

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Ich mag erzgebirgische Holzarbeiten sehr – ganz besonders die einfachen, alten. Beim Öffnen dieser Schachtel und dem Auspacken des Inhalts, da hüpfte mein Herz vor Freude, trotz den teils angekokelten Holzteilen.

Zum Glück gar kein Problem, denn www sei Dank, war schnell ein erzgebirgischer Onlineversand für Ersatzteile gefunden.

Diese Pyramide stammt aus den frühen 1950er Jahren und meine Mutter war ganz besonders beim Anblick der Schäfchen hin und weg. Wie gut, dass sie nicht weiß, dass sie die wieder hergerichtete Pyramide von mir zum 1. Advent als Geschenk bekommen wird.

Für mich selber behalte ich diese Pyramide, deren Figuren mir noch besser gefallen. Wie die erste stammt sie aus den 50er-Jahren. Sie dürfte etwas jünger sein als die obige und ist bist auf das nicht zu ihr passende Flügelrad, ein Zwischenstück und die nicht ganz so angekokelten Kerzenhalter in einem wesentlich stabileren Zustand.

Zum Zweiten kommt heute mein eines Handgelenk unters Messer, der Dr. vermutet einen Riss im Diskus, den er versäubern und nähen möchte. Danach wird hoffentlich außerdem klar sein, wie es um das Mondbein steht und ob evtl. die Elle verkürzt werden muss.

Kein angenehmer Tag heute und ich wünsche mir, dass alles gut geht und der bonfortionöse Gatte mich mit einer guten Prognose nach nicht zu großer Warterei wieder mit nach Hause nehmen kann.

Die letzten Feigen

Dieses Jahr trug mein Feigenbäumchen tatsächlich zum ersten Mal mehr als zwei Früchte!

Ich freute mich sehr auf die ersten drei, die ich erspähte, allerdings entdeckten dann die Spatzen noch vor mir ihre saftige Süße und so fand ich mich letztlich damit ab, auch in diesem Jahr nicht in den Genuss derselben zu kommen.

Was für eine Überraschung, als mein Mann mit eine Handvoll vollreifer, kleiner Feigen vor mir stand, die erst sichtbar wurden, als die ersten Blätter fielen.

So klein wie sie auch sind, sie sind vollreif und herrlich aromatisch. Ein Hochgenuss!