Glockenblumenblatttierchen

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Auf einem meiner Glockenblumenblätter hat es sich ein winziger kleiner, gestreifter Geselle gemütlich gemacht, der so ein bischen aussieht, als wäre er das insektische Äquivalent zu Janoschs Tigerente.

Ich hoffe auf die Schwarmitelligenz und dass eine meiner Leserinnen/Leser mir vielleicht sagen kann, um was für eine Schönheit es sich hier (stark vergrößert!) handelt.

 

 

Vom einen auf den anderen Tag

Zuerst hatte ich Kopf, dann Fieber und Hals und hielt mich fest an den Rat des Arztes, dem auch mit ganz viel Ruhe und Schlaf zu begegnen, woran ich mich hielt.

Als es mir besser ging, kam völlig unerwartet der Anruf, dass ein mir ganz besonderer Mensch, eine wunderbare Frau, gestorben ist.

Es ist nicht so, dass damit nicht zu rechnen gewesen wäre, denn sie kämpfte seit vielen Jahren aktiv gegen ihre Krebserkrankung.

Obwohl wir Familie sind, begegneten wir uns erst sehr spät. Dafür unglaublich intensiv.

Es tut sehr weh, dass sie nicht mehr da ist. Und die Trauer um sie ist sehr lähmend.

Ich denke dann lieber an das letzte Mal, als wir uns trafen. An ihr Gesicht und ihre Locken vor dem tiefblauen Himmel. An ihr Lächeln und ihre Art zu sprechen, dieses zarte Räuspern. An die Liebe, mit der sie von ihren Kindern, ihrem Mann, ihren Eltern sprach und von ihren Erlebnissen berichtete.

Daran, wie schade sie es fand, wenn man das, was einem passiert, nicht für sich, für das eigene Leben, annehmen kann.

Daran, wie die Begegnung mit ihr nicht nur mein Leben so ungemein bereicherte, weil sie in der Lage war, den Moment ganz intensiv zu leben. Trotz allem!

Weil sie ohne Bitterkeit begegnen konnte, ohne Vorbehalt. Weil sie sich einlassen konnte, keine Vorurteile lebte. Weil ihr gegenüber zu sitzen zu können, wie ein imaginäres Umarmen, ein Erkennen, ein so schönes Miteinander war.

Du wirst mir so fehlen.

Und ich mag so gern daran glauben, dass wir in einem anderen Leben, gerade jetzt, im Klostergarten im Sonnenschein nebeneinander auf der Bank sitzen und vor Freude am Leben lachen.

Die Dämonen meines Vaters

Er war ein Schweiger, wenn es um ihn selbst ging. Ein Getriebener. Er erklärte nicht, er agierte und wenn er das tat, dann rücksichtslos, radikal, Reaktionen waren ihm egal.

Als er vom Tod bereits gezeichnet war, ließ er ganz kurze Blicke auf Kindheit, Jugend, Familie zu. So kurz wie sie waren, so erschreckend, so intensiv, so erschütternd waren diese zu wenigen Momente.

Er wurde im 1.000-jährigen Reich des Mordens durch Rassisten geboren. Er wuchs ohne Elternliebe auf. Mit einem sadistischen Herrenmenschen als Vater. In einer Struktur, die das, was andere verdrängten, verherrlichte.

Zur Gegenwehr war er nicht in der Lage. Er verstummte. Als Siebenjähriger zwang ihn irgendjemand, Augenzeuge eines Massakers zu sein.

Dieser Verstümmelung seiner Seele zollte er am allerwenigsten von allen möglichen Menschen Trauer und Mitleid. Er zog daraus Konsequenzen für sein Leben. Bis zum Schluss.

Er sprach nur einmal ganz kurz darüber, als ich selber noch nicht wirklich erwachsen war. Nur Hören war erlaubt, keine Antworten – auch nicht wenn es eine voller Liebe für ihn gewesen wäre, keine Auseinandersetzungen, keine Konfrontation, kein Nachdenken. Aushalten musste er es und Auszuhalten, das lebte, forderte er. Als er aus der Narkose erwachte, hielt ich seine Hand in meiner und er sagte „Nein, bitte nicht.“ „Warum, Papa?“ „An der Hand halten, heißt Abschied nehmen. Die einzige Hand, die mich jemals hielt und führte, war die meines Großvaters.“ und dann brach seine Stimme. Ungeweinte Tränen in den Augen. Er mag sich nicht dran erinnert haben, aber durch meine gesamte Kindheit hindurch war das Gehen an seiner Hand für mich durch das Wissen um seine Liebe zu mir erfüllt. Er war nicht immer ein guter Vater, verglichen mit seinem aber der Beste.

Ich sehe ihn mit seinem unstillbaren Wissensdurst über die kackbraunen Jahre vor mir, mit seinen Büchern, den Sendungen, dem Interesse, seinem ehrenamtlichen Dienst auf dem Soldatenfriedhof, den er voll Inbrunst erfüllte, da es ihm ein Bedürfnis war, dass man das unsinnige Sterben nicht vergaß. Aber so sehr er nicht damit aufhören konnte, sich immer wieder aufs Neue damit zu konfrontieren, sich Wissen anzueigenen, so sehr war er auch nicht in der Lage dazu, sich in Gesprächen darüber auseinander zu setzen.

Erzählten sein Vater, der Mann seiner Tante, andere Menschen darüber, dann stellte er keine Fragen, war ganz stumm, ganz Ohr, nahm nur auf. Das wurde auch von mir als Kind erwartet, ohne dass man es sagte. Ich nahm mir an ihm ein Beispiel. Hörte, saugte auf, verpackte all das tief in mir drin, unsicht- aber fühlbar, als wäre alles wie von einer ewigen Hülle aus Brennnesseln umgeben, die sich in meine Seele in eine nicht heilen wollende Wunde fraß.

Auch ich beschäftigte mich, so ungefähr ab dem Alter von 12/13 Jahren, mit diesem Teil unserer (Familien-)Geschichte, um die Gespräche zu verstehen, bei denen ich als Kind anwesend war, von denen man aber nicht ausging, dass ich auch nur ansatzweise fähig dazu gewesen wäre, die Inhalte zu erfassen. Meinen Fragen, Meinungen dazu wurde mit aggressiver Verachtung begegnet. Kinder hatten ruhig zu sein, wenn Erwachsene redeten. Und nur dann Fragen zu stellen, wenn sie dazu aufgefordert wurden. Ihr Intellekt, ihr Verstand, ihr Geist, würde sich durch diese selbstgerechten Erwachsenen formen, davon waren sie überzeugt, nicht durch das Kind selbst.

Erst nach dem Tod meines Vaters war es uns möglich, seine Dämonen, sein Leben, aus winzig kleinen Puzzlesteinchen zusammen zu legen, einfach dadurch, dass wir begannen miteinander zu reden, uns auszutauschen, gemeinsam zu begreifen. Fragen können wir ihm keine mehr stellen, es ist niemand mehr da, der sie für ihn beantworten könnte. Das Grauen, das ihn umgab aber, das wird immer wieder sichtbar. So wie in der Arte-Dokumentation Eine Blutspur durch Frankreich, die mich tief erschütterte, da sie begreifbar machte, was der Mann meiner Tante, mit seiner schnarrenden Stimme und dem schnalzenden Gebiss, in Russland gemacht hatte, woran er mit seiner Kamera tatsächlich beteiligt war. Dieser Mörder, der sich so gerne hinter seiner Kamera nur als unbeteiligter Berichterstatter sah, der all diese Frauen, Kinder, Männer zu Aggressoren und Partisanen verlog. Die wenigsten dieser Unmenschen wurden später zur Rechenschaft gezogen, das ist eine Tatsache, die nicht zu widerlegen ist. Weder in West- noch in Ostdeutschland. Im arte-Beitrag wird auch dieser Aspekt dargelegt und es ist unglaublich, in was für einer Art und Weise diese Menschen sich sogar noch in den 60er- und 70ern in der Öffentlichkeit bei z. B. Beerdigungen unbehelligt produzieren konnten.

Wie kann man noch solchen Taten einfach wieder in ein spießbürgerliches Leben zurückkehren? So, als wäre all das nicht geschehen?

Ich weiß, was dieser Teil der Familie mit meiner Seele angerichtet hat – an der Seele meines Vaters war ihre Versündigung eine noch ungleich viel größere und schlimmere. Trotz all dieses Grauens, war dieser in seinen Idealen unbeugsame Mann nie dazu in der Lage, sich dagegen zu wehren und blieb zeitlebens in einem unseeligen Netz aus Pflichtgefühl gegenüber der Familienehre, unverbrüchlicher Loyalität und der verzweifelten, nicht erwiderten Liebe eines Kindes zu seinen Eltern gefangen.

Das Wissen, dieser Schmerz darum, wird immer Teil meines Lebens sein.

Einige Zeit nach seinem Tod entschied ich mich ganz bewusst dazu, um Hilfe zu bitten, sie zuzulassen und anzunehmen, was mein Leben ungemein bereicherte und noch immer bereichert. Dafür bin ich mehr als nur dankbar.

Ich weiß, dass ich mit all diesen Gefühlen in meiner Generation nicht alleine bin – nur, die wenigstens geben diesen Raum, sprechen darüber und lassen zu, dass sie einfach ein Teil unseres Lebens, unserer Persönlichkeit sind.

Ja, es tut weh, es ist äußerst schmerzhaft, sich damit zu konfrontieren, aber das Großartige für mich daran ist, dass sich dadurch die Möglichkeit neuer Wege eröffnete.

Dank digitaler Recherche konnte ich tatsächlich das Geburtshaus meiner Mutter aufspüren und mein Mann machte uns das große Geschenk, gemeinsam dorthin zu reisen, was wiederum sehr schmerzlich war, aber doch ungleich mehr beglückend. Nicht zuletzt auch für meine Mutter, deren ebenfalls heftig traumatisierenden Erfahrungen und Erinnerungen an diese Zeit wir mit Tagen voller gemeinsamer Tränen und Trauer, aber auch mit Liebe, Freude und Lachen begegnen durften!

Sie ist dort geboren, ich nicht, aber diese Reisen schenkten auch mir die Begegnung mit meinen unbekannten Wurzeln. Ich weiß nun, wo ein Teil von mir hergekommen, diese Zeit söhnte mich mit vielem aus und behandelte andere Wunden in mir, derer ich mir gar nicht bewusst war, mit einem Balsam, der innere Ruhe und ein gewisses Ankommen bereit hielt.

Rassismus, Morden, Krieg ist niemals, kann niemals die Lösung sein! Kein Mensch ist mehr wert als der andere. Ganz egal, welchen Glaubens er ist, welche Sprache er spricht, welche Augen-, Haar- und Hautfarbe er hat!

Diese katastrophale, entmenschlichte und entwürdigende Zeit ist doch keine 100 Jahre her – wie ahnungslos muss man sein, um zu meinen, einem Rückfall in dumpfen Populismus auch nur ein Quentchen Gutes abgewinnen zu können?

Mutter Tag

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Ich mag diesen Tag einfach nicht. Und noch viel weniger den RitterMilkaLindt-Hype, den er mittlerweile wie einen Rattenschwanz hinter sich her zieht.

Seit Tagen füllen, das gebe ich gerne zu, wunderschöne Muttertagsartikel meine Blogroll.

Ich mag ihn trotzdem nicht.

Für mich ist jeder Tag ein Muttertag. Mal mehr, mal weniger.

Für mich. Exakt. Wer den Tag feiern möchte, dann bitte schön und ich hoffe ganz ohne Häme, Neid und/oder Verbitterung, dass jede Befeierte an ihm herrliches Herzklopfen vor Freude, Liebe und noch mehr bekommt!

Meine Mama wird also morgen wieder niemandem von dem Glück, diesen einen Tag im Jahr zu haben, berichten können. Da muss sie durch, so wie in den vergangenen ganz vielen Jahren und in hoffentlich noch vielen kommenden. Dafür hat sie immer ganz viel von den Tagen davor und danach zu berichten und das wird auch so bleiben. Ach, Mütterli mein ♥!

Nachdem dieses Thema also abgegrast wäre, können wir zum neuesten heißen Scheiß auf dem Orthographiemarkt kommen, denn nach dem Deppenapostroph, dem ich ehrlicherweise auch immer wieder mal zum Opfer falle, greift nun viral das Deppenleerzeichen in immer größeren Ausmaßen um sich.

Herze Leid für unsere wirklich schöne Sprache.

Malbuch für Masochisten

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Zum Ausmalen, Abschalten, Michzeit für Erwachsene.

Ich male ja lieber nach Zahlen als bunt aus, aber jeder Jeck halt nach seiner Fasson ;). Was mich hier festhielt (und nicht etwa kaufen ließ), war also nicht das Malbuch, sondern der Titel, der mich heftig ansprang:

Meine Schuld – Coloring

Hallo, haben die da vom Marketing kein Assoziationskopfkino bekommen, so wie ich?! Oder hatten die einfach nur Späßchen?

Was könnte es von daher gesehen also sein?

Zwanglose Freitzeitbeschäftigung für Masochisten? Beschäftigungstherapie für devote Männer dominanter Partnerinnen, die sie mit „Mal! Schneller! Du! Sau!“ anpeitschen? Rammt man sich dabei Buntstifte unter die Fingernägel, nachdem sie mit dem Spitzer gefeilt wurden? Bewirkt beim Malen das Singen des Mantras „Schuld. Schuld. Ich bin schuld. Ich bin an allem schuld. Werde immer an allem schuld sein.“ tatsächlich ein entspannendes Abschalten? Oder dient es lediglich zur Konfrontationstherapie für all jene, die vergessen hatten, wie scheiße sie den Kunstunterricht schon in der Schule gefunden haben?