Die Seele der Möhre und ich

In meinem seit Jahrzehnten andauernden Allergikerleben gibt es sogar ganze Sätze, auf die ich mal mehr und mal weniger aber auf jeden Fall allergisch reagiere, so wie letzte Woche:

„Du musst auf dich aufpassen Ev, denn Du weisst ja, die Haut ist der Spiegel der Seele“

auch gerne genommen:

„Du weißt ja, der Magen ist ein ganz sensibles Gehirn, du musst das gut beobachten und immer achtsam mit dir umgehen“

gefolgt von

„Ganz wichtig ist Ev, dass deine Allergien dir was sagen wollen, denn sonst wären sie nicht da“.

„Na, Danke schön“ sage ich dann „das ist ein toller Tipp. Das nächste Mal, wenn mich der Möhren-Jieper überkommt, werde ich ein ganz ernstes Wort mit meinem Magen/Darm führen, so wie mit diesen kleinen Schlingel von Gräserpollen und meine Haut, die werde ich jetzt mal ordentlich mit Selbstsuggestion und Ignoranz strafen. Und dann werde ich selbstverständlich auch ein ernstes Wort mit der Möhre in meiner Hand reden und sie fragen, ob vielleicht mit ihrer Seele was nicht stimmt, weil ich sie nicht vertrage.“

Dann wird garantiert alles gut. Ganz bestimmt.

Nicht.

Ich habe in diesen vielen Jahren alles mögliche durch von Schulmedizin bis hin zu Homöopathie und ganz ehrlich, da kann man, man muss nur verzweifelt genug sein, so einiges ausprobieren und nichts davon hat meine Symptome hinwegzaubern können. Wohl gab es Wechsel in Erscheinungsbild und Intensität, immer dann, wenn es in meinem Leben zu Hormonumschwüngen kam mit Pubertät, Schwangerschaft, etc. also aus mir heraus und nicht von außen. Von außen, da kann ich lindern, was sehr viel wert ist. Wunder, nein Wunder erwarte ich nicht. Sollte trotzdem eines eintreten, werde ich es dankbar umarmen und küssen.

Was mir hilft:

Ich habe mich in meinem Allergikerleben eingerichtet, habe es angenommen, lebe damit – es bleibt mir ja auch nix anderes übrig und dann kann ich gleich guter Laune sein statt schlechter, denn so klappt auch das Umschiffen scharfer Klippen auf jeden Fall besser, denn scharfe Klippen, die tauchen bei mir schon bei jedem Essen außerhalb meiner eigenen Zubereitung auf.

 

Advertisements

Kann das bleiben oder muss das schon weg?

Was darf ich denn noch schreiben, erwähnen, verlinken, auf Photos zeigen?

Was ich auf jeden Fall darf:

  • Meine Spuren und Daten bei noch der allerkleinsten digitalen Bewegung allen möglichen Kraken kostenlos zur Verfügung stellen.
  • Mein Geld ausgeben für was ich will.
  • Darüber sprechen mit wem ich will.
  • Mit dem, was ich erworben habe, machen was ich will.
  • Weiter dafür mein Geld ausgeben oder nicht.
  • Und wie ich das mache, dazu habe ich jede Freiheit, solange ich das nicht irgendwie in einem Blog oder in einer wie auch sonstwie gearteten und digital erreichbaren Community mache, wo mir jede dieser Bewegungen als Datenverletzung und/oder Werbung ausgelegt wird.

Auf mich runter gebrochen heißt das:

Ich sehe eine Anleitung, eine Wolle, ein Buch, ein Video, einen Blogbeitrag, eine Ausstellung, einen Laden, eine Messe, eine Handwerkerin, eine Selbermacherin und lasse mich von dem, was ich da sehe inspirieren, indem ich die Wolle kaufe, die Anleitung, das Buch, das Material und lege los, mache selber etwas. Vor DSGVO schrieb ich darüber, machte Photos, setzte alles in einen Blogbeitrag und ließ diesen danach los in die digitale Welt. Ich schrieb darüber, was und wie mir das Material, die Wolle, gefallen hat. Darüber, wie ich mit der Anleitung zurecht kam. Was ich übernommen, was ich verändert habe und was ich nur als Inspiration nutzte, um meinen eigenen Kreativweg zu nehmen. Ich wies auf Treffen, Messen, Ausstellungen, Museen, Bücher, Autoren, Selbermacherinnen, Künstlerinnen, Magazine, Radio- und Fernsehbeiträge hin, die mich, wie auch immer, berührten.

Ich verdiente damit kein Geld. Möchte das auch gar nicht. Ich liebte diese digitale Art von Tagebuch, die es mir ermöglichte, Kontakte zu knüpfen, Menschen kennen- und liebenlernen zu dürfen, grandiose Arschlöcher aus meinem Leben auszusortieren, kurz auch digital zu leben, das reale mit dem digitalen zu verknüpfen, das eine in das andere hinein und hinaus zu bereichern.

Nur das wir uns richtig verstehen:

Der Schutz aller unserer privaten Daten ist und bleibt von immanenter Wichtigkeit und es ist richtig, diese auch durch gesetzliche Entscheidungen zu hegen und zu pflegen.

Jeden Tag aber lernen wir durch die Medien, wie dieses unseres Recht immer wieder aufs neue missbraucht, verletzt, in den Boden getreten, verkauft, manipuliert wird. Die Datenkraken sammeln, nutzen, verkaufen diese munter weiter und das Ausmass, was sie bisher damit anstellten, was sie weiter damit anstellen, das ist schon durch das bischen an Realität, das so eine Menschin wie ich, die kein Internetcrack ist, mitbekommt bereits so viel mehr als nur erschreckend.

Nennt mich naiv. Ja, das bin ich. Nennt mich unwissend. Ja, das bin ich. Nennt mich nicht intelligent genug, um all das zu begreifen. Ja, auch das bin ich. Aber seid Ihr weniger naiv, unwissend, nicht intelligent genug?

In den letzten Monaten habe ich mich in dem mir intelligenzmöglichen Rahmen intensiv mit allem rund um dieses Thema auseinander gesetzt, denn ich möchte diesen Blog nicht einfach zu machen, zuviel Freude und auch Stütze war und ist mir das Schreiben hier. Aber, ganz ehrlich, dieses ganze Thema beginnt mich ausufernd zu überfordern.

Gehe ich zum Beispiel auf ein Wollfest, dann hatte/habe ich meine Kamera dabei, mache Bilder, weil ich Spaß am photographieren habe, weil mir die Bilder auch Gedächtnisstütze sind neben all der Freude daran und selbstverständlich, weil sie mir zu einem Wollfestbericht dazu gehörten/gehören.

Nun tauchen in manchen Blogs schon die ersten Photos zu solchen Berichten auf, die nur noch die Ware, aber keine Besucherinnen, Teilnehmerinnen, Händlerinnen mehr drauf zeigen, weil man ja nicht in die Gefahr geraten möchte, angezeigt und zu Regressforderungen herangezogen zu werden. Andererseits stellen doch bereits auch schon Waren, auf denen ein Logo zu sehen ist, zu denen vermerkt ist, zu welcher Handwerkerin sie gehören, eine Werbung dar und darf man das jetzt noch oder eben nicht mehr? Und was ist mit diesen Heerscharen von Touris in der geliebten Stadt, die knipsen, was zu knipsen geht, in deren Knipskreise man unwillkürlich gerät, ohne ihnen entgehen zu können? Hier rast der digitale Wahnsinn und jene dort, die darf und muss das nicht mal ansatzweise interessieren.

Ein Wunder eigentlich, dass man im Privaten über solche Sachen überhaupt noch sprechen darf!

Ein Wunder, dass es überhaupt noch Waren geben darf, auf denen die Logos der Hersteller zu sehen sind.

Ein Wunder, dass es Gesichtsbuch überhaupt noch geben darf und all die anderen schönen Hochglanzphotoscommunities oder diese Doppel-P-Bezahlungsdatensammelinstitution.

Ein Wunder, dass es noch Magazine und Zeitschriften geben darf mit Hinweisen und Werbung für alles möglich. Obwohl, stopp, dafür zahlen wir ja, dass wir das ansehen und lesen dürfen.

Ein Wunder, dass es überhaupt noch Blogs gibt, die existieren, ohne laufend für irgendwas Werbung zu machen – oh menno, ich darf einfach nicht vergessen, dass das Bloggen vor 15 Jahren so gar nicht begonnen hat und dass vorbei vorbei meint und früher nicht heute.

Alle wollen sie nur unser Bestes.

Und wir geben es ihnen und merken gar nicht, dass wir immer eindimensionaler werden, immer kalkulier-, manipulier- und einschätzbarer.

Und wenn ich über das Sommer-Top schreibe, das an dem ich gerade stricke, für das ich die Wolle kaufte, mir die kostenlose Anleitung herunter geladen habe und ausdruckte, das Top, das ich für mich stricke, an dem ich kein Geld verdienen werde für gar nix, dann darf ich nichts verlinken, denn das wäre ja schon Werbung? Dann darf ich die Designerin nicht erwähnen, die, deren Anleitung eine kostenlose war, denn dann wäre schon Werbung? Dann kein einziges Photo, weil das wäre ja schon wieder Werbung?

Meine Güte, eigentlich muss ich ja froh und dankbar sein, dass ich es überhaupt noch tragen darf das Top. Obwohl es wohl besser wäre, wenn ich dieses taub, blind und stumm mache, so wie die berühmten drei Affen. Aber wahrscheinlich verletze ich mit der bloßen Erwähnung der 3 gerade auch schon wieder irgendein Plagiaturheberrechtentstehungsverhinderungsgesetz …

Müde.

Ich bin unglaublich müde …

 

 

Der Brief aus dem Pilzbuch

20180908_133741.png

Dass in dem schönen alten Pilzbuch vom Flohmarkt ein alter Brief lag, entdeckte ich erst daheim:

Wilh. S. Rötz, Oberpf., den 5. August 1946 Pfarrdiakon

Liebe Sängerinnen und Sänger des Evang. Kirchenchors, lieber Herr Dr. Riemer!

Nachdem ich mich hier nun einigermassen eingerichtet habe, sollen Sie, als ein bescheidenes Zeichen meiner Dankbarkeit und meiner Sehnsucht zu Ihnen, einen Gruss von mir haben. Die hier vorgefundene und so ganz andersgeartete, wenn auch für mich keineswegs neue Arbeit, nimmt natürlich meine Zeit und Kraft voll in Anspruch. Trotzdem, ich muss es gestehen, sind Herz und Gedanken noch allzusehr mit Neckarbischofsheim verbunden, und wie könnte das auch anders sein, hat mir doch gerade der Kirchenchor soviel Freude gemacht und gebracht, dass diese leider so kurze Zeit unserer Zusammenarbeit mir wohl immer in ungetrübter Erinnerung bleiben wird. Von ganzem Herzen hoffe und wünsche ich, dass Sie Ihre grosse und schöne, und wie Sie ja wissen, gottgewollte Aufgabe, wie bisher, treu und hingebungsvoll ausführen werden. Was könnte uns selbst und der feiernden Gemeinde neben dem Worte Gottes in dieser letztbetrübten, sorgen- und leidvollen Zeit besseren Trost und Frieden geben, was und mehr stärken in dem Kampf der uns verordnet ist und was könnte uns endlich in den dunklen Stunden der mancherlei Anfechtungen mehr die Nähe des treuen Vaterherzen Gottes spüren lassen, als unsere Musica Sacra? Daran, was wollten wir uns lieberes wünschen, als dass es auch einmal bei uns, wenn wir an der Schwelle der himmlischen Kantorei angelangt sein werden, mit Meister Heinrich Schützens 5stimmigen Leichentext aufklingen kann, „Deine Rechte waren mein Lied in dem Hause meiner Wallfahrt“.

Lassen Sie mich aber auch den anderen Grund meines sehnenden Gedenkens an Neckarbischofsheim nicht verschweigen. Die Verhältnisse unter denen ich hier arbeiten darf, liegen, wie schon angedeutet, ganz anders als bei Ihnen. Es ist eine rein katholische Umgebung. Das Pfarramt erstreckt sich ungefähr über fünf Landkreise mit einem Durchmesser von 70 – 100 km und hatte vor dem Flüchtlingszuzug nur ca. 500 Evangelische. Heute sind es 25 – 30 000 zumeist Schlesier, arme verbitterte, hilf- und heimatlose Menschen. Wenn dieses Gebiet numehr auch in fünf Pfarrbezirke aufgeteilt ist, so bleibt für einen Seelsorger immerhin noch etwa ein Landkreis zu betreuen. Da muss nun auch eine evangelische Gemeinde mit nichts und aus dem Nichts geschaffen werden. Das ist, menschlich geredet, keine leichte Aufgabe. Abgesehen davon, dass fast jeden Sonntag 3 – 4 Gottesdienste zu halten und dabei an die 40 km mit dem Fahrrad zurückzulegen sind, dass natürlich keine Gotteshäuser, keine Gesang- und Religionsbücher vorhanden sind, ist es die grosse innere Not und das Bedürfnis zu helfen, das einem die Arbeit so schwer erscheinen lässt. Es ist aber auch eine gesegnete Tätigkeit und die Menschen sind dankbar dafür, dass sich die Kirche um sie kümmert. Darum möchte ich Ihnen, Ihr lieben Neckarbischofsheimer, die herzliche Mahnung und Bitte zurufen: seid Euch des grossen Reichtums Eurer Evangelischen Gemeinde bewusst und wie dankbar dürft Ihr sein, dass Ihr noch so ein schönes Gotteshaus habt, „Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme“. (Offenbg.3,11) Und ist nicht auch einem Kirchenchor dieses Pfand zu treuen Händen anvertraut? Nach dem Gesagten, möget Ihr mein heimliches Sehnen verstehen und verzeihen.

Landschaftlich ist die Lage sehr schön, doch mit der Fruchtbarkeit von Neckarbischofsheim nicht zu vergleichen.

Darf ich Sie zum Schluss noch bitten, auch von Ihnen gelegentlich ein Lebenszeichen zu erhalten. Ihnen allen, meine lieben Sängerinnen und Sänger, wünsche ich herzlichst recht viel Freude zur schönen Kirchenmusik und dass Sie um dieser heiligen Sache willen die Last und Bürde der Arbeit fröhlich tragen und sich selbst auch tragen lernen mit all unseren menschlichen Schwächen und Fehlern. Unser Gott und Heiland muss ja auch soviel Geduld und Liebe für uns aufbringen. Und wenn Er nach seinem heiligen Willen einmal das Gefängnis Eures Pfarrers Fuchs werden wird, dann dürft Ihr ihm Euch als Geschenk entgegenbringen und eine solche Garbe sein, die der Herr den Gefangenen Zions am Tag ihrer Erlösung im 126 Psalm verheissen hat.

Bitte, grüssen Sie Ihre lieben Angehörigen bestens von mir.

Euer dankbarer

W. S.

20180908_133604.jpg

Gelesen: „Die Tietze Milli“

von Dr. phil. Heinz-Lothar Worm.

140 schmale Seiten in einem Rutsch durchgelesen, am Schluss mit Tränen in den Augen.

Dr. Worm, das las ich erst danach, ist ein Mensch, der u. a. sehr an (Familien-)Geschichte interessiert ist, wie sich im Wikipedia-Eintrag zu seiner Person nachzulesen ist.

Auch einer meiner Familienzweige ist in der Gegend verwurzelt, die rund um Milli geschildert wird; dass es sich um eine fiktive Biographie handelt, das ging mir erst danach auf, macht die Geschichte aber nicht weniger wertvoll und authentisch, denn so vieles darin kenne ich aus den Schilderungen meiner Großeltern und meiner Mutter.

Lachen musste ich, als der Hockewanzel darin erwähnt wurde. So kenne ich sein Zitat in der sudetendeutschen Mundart meiner Großeltern und von meiner Mutter:

„Frasst ock, frasst ihr Puttln. Morne kummt da Bischof, da holt euch olle dar Deifl!“

 

Die Schwalben sammeln sich zum Flug

 

DSC02853.JPG

Es ist wieder soweit: Die Schwalben sammeln sich zum Flug und in mir ist eine große Dankbarkeit dafür, dass es bei uns noch diesen einen Bauernhof mit Viehhaltung gibt, der uns diesen Segen ermöglicht.

Dankbarkeit und die Hoffnung, dass ich auch im nächsten Jahr schreiben kann, dass sich die Schwalben erneut zum Fluge sammeln.

Eine gute Reise wünsche ich Euch, meine gefiederten Freunde und eine ebenso gute Rückkehr!

DSC02867.JPG

Geschlossene Gesellschaft

 

Wir

wollen dich nicht

bleibst draußen abgeschlossen

passt nicht zu

Uns

geh weg

wollen dich nicht sehen hören

ausgeschlossen bist bleibst du

nicht in der Norm

dein ganzes sein

zu unangepasst laut hörst nicht

Wir

nicht für dich

störenfried