2021 – Das große Jahr der Miniaturen: 2/52 = Kinderspiel

Die zweite Woche im großen Jahr der Miniaturen 2021 kommt mit dem Thema „Kinderspiel“.

Initiiert und gehostet wird das große Jahr der Miniaturen durch Susanne vom Nahtlust-Blog. Bei ihr könnt Ihr, wenn Ihr auf das dazugehörige Miniaturen-Banner oben auf der rechten Seite ihres Blogs klickt, eine Auflistung sämtlicher Beiträge zu diesem tollen Miniaturenjahr sehen – und wer weiß, vielleicht habt Ihr ja selber Lust, Euch inspirieren zu lassen, um selber mit dabei zu sein?!

Kinder spielen selbstverloren einfach und leicht darauf los, wozu sie Lust haben. Das zu tun, worauf man Lust hat, ebenso selbstverloren einfach und leicht darauf los, das ist eine Freiheit, die man sich viel zu selten gönnt im Lauf zwischen Pflicht, Alltag, Sorgen und Nöten. Manch einer, vielleicht eher viel zu viele, haben diese Fähigkeit schon ganz verloren …

Meine Interpretation von Kinderspiel für mich heißt:

Lust statt Frust, Freude statt Druck, Genuss statt Muss und Entdeckerspaß!

Mein Kinderspiel hat die Maße: 14,5 x 5,5 x 2,3 cm und ist ein Materialmixschächtelchen aus diesen Zutaten:

Als Teenie habe ich eine Zeit lang Streichholzschachteln mit den unterschiedlichsten Motiven gesammelt, diese hier, auf der das Entspannen leicht und herrlich wie ein Kinderspiel aussieht, kam so zusammen mit einem alten Köllnflocken-Sammelbildchen vom Flohmarkt, einem noch viel älteren Püppchen aus dem Puppenhaus und der besten aller möglichen Pippi-Varianten.

Gelesen: „Gerta. Das deutsche Mädchen“

Durch die für mich bisher beste Dokumentation zu diesem Thema „Vertreibung – Odsun: Das Sudetenland„, abrufbar über die Verlinkung zum MDR, wurde ich auf das Buch „Gerta. Das deutsche Mädchen“ von Kateřina Tučková, deren Homepage ich hier ebenfalls als Verlinkung einfüge, aufmerksam. 

Dieses Buch mit seinen 547 Seiten konnte ich fast nicht mehr aus den Händen legen. Fast deshalb, weil ich es manchmal doch musste, weil der Inhalt, den sie bergen, mich zu stark belastete, um noch weiterlesen zu können. Die Lebensgeschichte von und um Gerta verfolgte mich bis in meine Träume. 

Unfassbar, wie intensiv Kateřina Tučková dieses (fiktive) Leben so intensiv beschreiben konnte, ohne all dies Schreckliche selbst erlebt haben zu können – so wie es eben halt nur wahre LiteratInnen können, zu denen sie definitiv gehört – ich kann mich vor ihr und ihrem Werk nur dankend verneigen.

Seit Jahren schrieb ich auch in meinen alten Blogs über die Familiengeschichte meiner Mutter wie z. B. hier am 30.08.2015:

Flucht

Meine Mutter war fünf Jahre, als ihre Familie vertrieben wurde. Zwei dramatische Fluchten später in einem Auffanglager, sagten die Amerikaner meiner Großmutter, dass sie und ihre fünf Kinder nicht bleiben könnten. Sie waren nicht die einzigen dort, die am Ende ihrer Kraft waren, nicht mehr konnten und letztendlich doch blieben. Mein Großvater fand zu ihnen und sie kamen nach Buchloe. Für viel Geld wurde ihnen dort eine zweizimmrige Holzbude ohne Isolation, Strom, fließendes Wasser verkauft. Wohl gemerkt, schön im Vertrag festgehalten, nur die Bude, nicht das Grundstück. In dem Raum mit der Küche gab es einen Herd, die Kinder, wie meine Mutter, die das Pech hatten, im anderen Raum schlafen zu müssen, sahen im Winter morgens beim Aufwachen ihren zu Raureif gefrorenen Atem an der Holzwand. Bis in den Herbst hinein ging meine Mutter ohne Schuhe in die Schule. In eine Schule natürlich, die streng nach Konfessionen geteilt war: Die Katholiken in der einen Hälfte, die Evangelischen in der anderen. Ja, die Religion wurde in Buchloe hoch gehalten, was jedoch nicht daran hinderte, dass diejenigen Erwachsenen und Kinder, die das Glück hatten, ihre Heimat nie verlassen zu müssen, meiner Mutter, ihren Geschwistern, ihrer gesamten Familie nicht nur „Huraflüchtling“ nachzurufen. Das riefen Deutsche Deutschen nach. An sowas erinnert man natürlich nicht gerne: an das Leid der Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg, noch viel weniger an das der nach dem 1. Weltkrieg. Heute weiß man, dass solch schwere Traumatisierungen sich bis in die 3., 4. Generation danach ziehen. Ein interessantes Thema und eines, bei dem es sich lohnt, sich damit auseinander zu setzen. 

Für meine Mutter hieß das, dass wir mit ihr in ihre alte Heimat gefahren sind, ihr Geburtshaus fanden, stundenlang miteinander über all das geredet haben. 

Und obwohl ich all das nicht selber erlebt habe, war es doch für mich in gewisser Weise ein Heimkommen, das mich hat verstehen lassen und auch mir ganz viel Ruhe und Freude geschenkt hat. 

Auch mein Vater musste mit seiner Familie fliehen, ebenso die Familie meines Schwiegervaters. Alles Vertriebene, Flüchtlinge. Manche von ihnen, durch das, was passierte, das Leben lang wurzel-, heimatlos. 

So, wie die Menschen, die jetzt ihr Heil in der Flucht suchen.

Nicht mehr und nicht weniger. 

Und die Menschen, die sie jetzt mit Schimpfwörtern, Drohungen oder Brandsätzen empfangen, wie viele von denen sich wohl gar nicht bewusst sind oder es gar nicht wahrhaben wollen, dass ihre Eltern, Großeltern, Urgroßeltern genau das waren: Vertriebene und Flüchtlinge!

Und wie sich wohl die fühlen, die hier ankommen, sich hier am Ziel wähnen, nur um dann in vom Hass verzerrte Gesichter zu sehen, mitzuerleben, wie gegen sie aufmarschiert wird?

Beschäftigt Euch endlich mit Eurer eigenen Geschichte!

So, wie Greta tschechische und deutsche Wurzeln hat, so hatte die Familie meiner Mutter tschechische und deutsche Wurzeln, sprachen sie deutsch und tschechisch, was aber während des Wüten des Odsun niemanden mehr interessierte. 

Drei Jahre hintereinander fuhren wir im Sommerurlaub gemeinsam mit meiner Mutter und auch meiner Schwiegermutter ins Riesengebirge und mieteten uns dafür in ein Ferienhaus in einem kleinen Ort in der Nähe von Jablonec nad Nisou, dem ehemaligen Gablonz an der Neisse, in dem wir uns jedes Mal im Haus und im ganzen Ort sehr wohlfühlten. Wir waren nicht auf der Suche nach dem Städtischen, nach Mondänem, nach herausragend Besonderem, sondern nach dem Ursprünglichen, der Geschichte, den Wurzeln halt. Die Vermieter unseres Ferienhauses wohnten in ihrem eigenen gleich nebenan, waren sehr freundlich und unterstützend und trotzdem war bei unserer Vermieterin, die ungefähr in meinem Alter war, eine kühle, nicht unfreundliche, aber im Gegensatz zu ihrem Mann, doch kühle, merkliche Distanz zu spüren, die ich nicht verstand. Sie sprach ausschließlich Tschechisch und so führte ihr Sohn, ungefähr im Alter unserer Kinder, unglaublich sympathisch, aufgeschlossen und fröhlich, alle Gespräche auf Englisch mit uns. Im zweiten Jahr bei ihnen, fragte er uns, ob wir gerne seine Großmutter kennenlernen würden, worauf wir uns natürlich freuten und es stellte sich heraus, dass sie deutsche Wurzeln hatte. Sie unterhielt sich in ihrer Muttersprache sehr charmant mit uns erzählte, wie das Leben früher hier bei ihnen war, bevor dieser schreckliche Krieg mit seinen Folgen alles zerstörte. Ihre Tochter war an diesem Nachmittag mit dabei, kühl distanziert, um Abstand bemüht, das genaue Gegenteil ihrer sehr herzlichen Mutter, die an diesen Stunden so viel Freude hatte und dies immer wieder sagte. Sie entschuldigte sich dafür, dass ihre Tochter das Deutsche nicht verstehen und sprechen könnte, aber dem maßen wir gar nichts negatives bei, das war einfach so.

Nun, nach dem Lesen dieses Buches, ist mir auf einmal klar, warum das so war, warum unsere Vermieterin so freundlich und doch so distanziert war: Welch ein Stigma den in Tschechien verbliebenen Deutschen und auch ihren Kindern in den Jahren nach dem Krieg anhaftete, davon hatten wir keine Ahnung, das war uns leider so gar nicht bewusst. Erst die 3. Generation, die Generation ihres Sohnes, die begreift sich weder als nicht dazu gehörend, noch werden sie als nicht dazugehörend begriffen, so wie es das Buch beschreibt. 

Ich wünschte, mir wäre das alles in diesen Jahren bereits bewusst gewesen. 

So gab es auf unserer Seite leider nur ganz subjektiv die Erfahrungen meiner Mutter, ihrer Familie. Auf der anderen Seite aber bei mir, die ich doch die ersten Male hier war, unglaubliche Momente der Freude, trotz der Tränen, die meine Mutter und ich an dem Tage gemeinsam geweint haben, als wir tatsächlich vor ihrem Geburtshaus standen und klar war, dass ich es im Vorfeld tatsächlich über virtuelle Land- und Straßenkarten gefunden hatte. An diesem Tag wurden mir voller Glück und ganz deutlich meine Wurzeln sichtbar, die ich für verloren hielt. Nein, sie sind nicht verloren, sie sind da und die Freude seit diesem Tag ist bisher nicht um einen Millimeter weniger geworden! Ich liebe den melodischen Klang des Tschechischen, der mich irgendwo tief verborgen drinnen berührt und rührt, was vielleicht an meinem Urgroßvater Wenzel liegen mag, dem fünffachen Familienvater, den sich Gott, Kaiser, Vaterland nicht scheuten für das K.u.K.-Reich im 1. Weltkrieg zu verheizen. Schon bevor wir zu unserer ersten Reise aufbrachen, legte ich mir ein Wörterbuch zurecht und versuchte, mir wenigstens die wichtigsten Sätze in Tschechisch zu merken, auch wenn ich sie immer wieder nicht korrekt aussprach, was oft für große Heiterkeit beim Gegenüber sorgte :). Meine Mutter beharrte bis zu diesem Tag stock und steif darauf, dass sie niemals Tschechisch gesprochen habe, was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, aber so hin nahm. Ab dem ersten Überqueren der Grenze aber, da sprudelten zu ihrer eigenen, allergrößten Überraschung und zu unserem Amüsement aber auf einmal immer mehr tschechische Wörter aus ihr heraus und die Frage einer möglichen Zweisprachigkeit war ein für alle mal geklärt. 

Mein Papa wurde zwar nicht im Sudetenland geboren, wohl aber mussten meine Oma, sein Bruder und er von dort unter dramatischen Umständen fliehen. Im Gegensatz zu meiner Mutter hat er das aber niemals thematisiert und vieles davon trat deshalb leider erst nach seinem Tod ans Licht und ich bin mit der Aufarbeitung noch lange nicht da angelangt, wo ich mit der Geschichte meiner Mutter bin. 

Die Familie meiner Mutter fand nach einer langen Odyssee im Allgäu einen Ankerplatz, das so zu einem Teil meiner ureigenen Heimat wurde und worüber ich immer wieder mal schreibe und worüber ich auch weiterhin schreiben möchte:

Ich bin ganz bei Kateřina Tučková und all den anderen, die sich dafür engagieren, dass Tschechien und Deutschland sich auf einer ganz anderen, einer ganz neuen Ebene, ohne jegliches revanchistisches Gedankengut und jenseits jeglicher Forderungen auf einer freundlichen, friedlichen, gemeinsamen, freundlichen Ebene auf gegenseitiger Augenhöhe begegnen mögen. Was nicht heißt, dass man sich nicht radikal jegliches Unrecht zugestehen lassen muss, es zugeben sollte. Nur so kann man sich offen die Hände reichen, sich umarmen und gemeinsam in die Zukunft gehen.

Uff!

Wie auf dem Blog Unkrautgourmet nachzulesen, hatte ich am Ende des vergangenen Jahres Gewinnerglück und so fing das Jahr mit diesem tollen Gewinn auch glücklich an. Das mich sehr begeisternde Buch stelle ich noch ausführlich vor, stellt Euch also schon mal auf einen Begeisterungssturm ein. Neben Glück suchte und sucht uns ein ausgiebiger Wasserschaden heim, dessen genau Ortung noch aussteht und nächste Woche dann gleich ein Termin in der Kieferchirurgischen Praxis des Vertrauens, denn es scheint sich abzuzeichnen, dass die OP im letzten Jahr wie befürchtet wohl doch nicht zu 100 % gelungen ist. Nicht nur meinen Geburtstag verbrachte ich deshalb malad, müde und innerlich erschöpft, was die momentane Nachrichtenlage rund um Idiocracy stimmungsmäßig auch nicht zu erheben vermochte.

Das C ist mittlerweile fest im näheren Umkreis von Freunden und Kollegen angekommen und macht großen Kummer und noch größere Sorgen. 

Meine Mutter hat nun, kurz vor ihrem 80. Geburtstag, alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten erfolglos und frustrierend in Bezug auf die von ihr sehr gewünschte Impfung ausgeschöpft. Ich habe einen Bericht gelesen, dass 1/3 ihrer Altersgruppe aus unterschiedlichen Gründen keinen Bezug zum Digitalen hat. Meine Mutter hat diesen tatsächlich nicht und mag sich in dieses trotz vielfältiger Motivationsersuche in dieses Medium auch nicht einlernen; so wie sehr viele rund um sie herum auch nicht, sodass sich mir der Eindruck aufdrängt, dass dieses 1/3 tatsächlich doch niedrig geschätzt ist. Ab sofort werde ich mich um all das bemühen und hoffe, dass ich für sie sehr zeitnah damit Erfolg haben werde. 

Habt ein schönes Wochenende!

 

Idiocracy

Das ist der Titel eines Filmes, den ich nach ungefähr 15 Minuten abschaltete, weil er für mich einfach unerträglich war. 

Als ich gestern Abend fassungslos die Berichte zur Erstürmung des Kapitols nach einer Rede des Orangenen durch seine Jünger sah, da fühlte ich mich spätestens da, als der brüllende Halbnackte mit den Hörnern auf was immer das sein sollte auftauchte, als wäre das Teil von eben „Idiocracy“. So surreal. 

Bei all dem, was vermeintlich so weit weg ist, sollte man nicht vergessen, dass zum Run auf das Reichstagsgebäude in Berlin durch die Rede einer Heilpraktikerin aufgestachelt wurde, in die „Überraschung“ eben der Orangene mit eingeflochten war. 

Was treibt Menschen dazu an, einem Autokraten-Wannabe entgegen aller Logik alles zu glauben zu wollen?

 

2021 – Das große Jahr der Miniaturen: 1/52 = Flügel

Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen: 

Kreativität erweitern – rund um Kreativität lernen – Kreativität teilen.

Den Anstoß und den Mut (ja, das ist für mich schon ein spezieller Mut) dazu holte ich mir bei Susanne vom nahtlust-Blog. Für jede der 52 Wochen im Jahr 2021 ist ein eigenes Thema ausgerufen, von dem man sich inspirieren lassen darf. Hier könnt Ihr sehen, wie wunderbar Susanne sich von den Flügeln beflügen ließ.

Für meine Miniaturen habe ich mir vorgenommen, Material aus meinem Vorrat zu verwenden, zu be- und verarbeiten. Ich bin sehr gespannt, ob sich das so komplett durchziehen lassen wird. 

Diese Gedanken führten mich zu meiner Miniatur:

Ideen für Flügel habe ich zuhauf gehabt, blieb aber letztendlich bei dem Gedanken hängen „Was beflügelt mich? Welche Fügel tragen mich?“ und von da zum Bild war es nicht mehr weit und ich nahm einen Gedanken an Fleißbildchen mit dazu. 

Lesen und Schreiben zu lernen, somit auch das Lernen an sich, haben mir Flügel geschenkt, die mich über Vieles hinweg getragen haben. Das verbindet mich auch heute noch sehr innig mit den Erinnerungen an meine Lehrerin Frau Uhlemann, die einen nachhaltigen Einfluss auf mein Leben hatte und hat. 

Lernen, Lesen, Schreiben – meine Flügel. 

Gewählt habe ich das Format 10 x 15 cm und als Untergrund auf die Leinwand ein Bild aus einer Zeitschrift ausgewählt in Farben, die man so nie in der Realität, wohl aber mit viel Phantasie wahrnehmen kann. 

Über die violette Schneelandschaft läuft tatsächlich mein 5-jähriges Ich. Der Stift in meiner Hand stammt aus der Auflösung eine alten Schreibwarengeschäfts, in dem ich ihn gegen Ende 1979 entdeckte. 

Darüber wie ich Lernen, Lesen und Schreiben auf das Bild bringe, habe ich lange nachgedacht und noch länger verschiedenste Varianten ausprobiert. Am Naheliegendsten wäre es gewesen, diese drei Wörter so schön und so perfekt wie möglich zu schreiben und am besten gleich in der runden Schreibschrift der 60er-Jahre. Aber dann hätte seitdem ja kein Fortschritt bestanden bis heute. Auch über die Farbe der Schrift wälzte ich Ideen. Letztendlich entschied ich mich für ein weiches Grau, da mir alles andere zu hart, zu plakativ gewesen wäre und das Lernen zog ich absichtlich einige Male nach, verwischte es leicht, weil genau das das Lernen für mich ausmacht: Bloß nicht stehen bleiben. Deshalb arbeitete ich die Flügel nicht weiter aus, ließ sie einfach und roh, um ihnen soviel Projektionsfläche wie möglich zu bieten. 

Meine Flügel, zusammen mit einem Fleißbildchen und dem Blatt des allerersten Schultages, das mich erkennen ließ, dass ich Wörter nicht buchstabieren musste, sondern sie so wie sie sind abspeichern und abrufen konnte. 

Meine Flügel. 

Einer der allerbesten Tage 2020

Das vergangene Jahr war in Punkto Familienzeit nicht so einfach und unbeschwert, wie wir das bisher kannten. 

Treffen mussten vorher genau geplant werden – einfach mal so, das ging leider nicht. 

Trotzdem hat uns dieses Jahr nicht voneinander fort getrieben, sondern uns noch näher zueinander gebracht. 

Meine Mutter bekam zu ihrem Geburtstag einen Rundum-Pilze-Tag vom Tochterkind und -freund geschenkt, der nicht nur das gemeinsame Pilzesuche bei einem Ort, in dem meine Eltern gemeinsam bis zum Tod meines Vaters lebten, umfasste und der uns als Familie daher bestens bekannt ist. 

Dieser in der Natur verbrachte Tag verband mit Erinnerungen, schuf neue, erfüllte und beschenkte uns die Seele und füllte so diese und unsere Pilzkörbe!

Neben unterschiedlichsten Schwammerln fanden wir Holzbirnen im Gras, sammelten Maroni auf und eine Handvoll praller Schlehen. 

Zwischendrin sang ich mir auf einem Waldweg meine Freude an diesem Tag aus dem Leib.

Dieses Geschenk für meine Mutter wurde so zu einem für uns alle!

Und zu einem kostbaren Tag, von dem ich noch immer zehre, an den ich mich so gerne zurück erinnere an all die wunderbaren Eindrücke. 

Zum Abschluss putzen, kochten, verspeisten wir einen Teil unseres Fundes an einem geschützten Platz noch direkt vor Ort, saßen auf Baumstücken, erzählten, lachten, genossen alles, was es an fein Mitgebrachtem zu genießen gab, erzählten uns gegenseitig, was aus den Pilzen daheim werden würde, die wir alle noch in unseren Körben hatten und tankten einfach unsere Reserven auf. 

Dieser Tag im Herbst fiel genau in eine Zeit hinein, in der all dies möglich war – selbst mit einer von allem unbelasteten, großen Vorplanung hätte er nicht perfekter sein können!

Ein solcher Tag wie dieser ist pures Glück für mich!

Reisen in die Ferne, besonderer Luxus und Exklusivität könnten ihn mit nichts aufwiegen. „Warum in die Ferne schweifen?“ – Goethe hat zumindest für mich damit recht – es gibt so vieles um uns herum zu entdecken, was Geschenk, Freude und Abenteuer zugleich ist, wenn man es nur begreifen kann. 

Zwischen den Jahren

Gebettet auf eine käsige Kartoffelwolke glitten wir durch Marvels Endgame begleitet von einem gekühlten Piefchen Huxelrebe sanft und ruhig von 2020 nach 2021, während einige Unermüdliche feuerwerkten.

Möge dieses Jahr es gut mit Euch meinen, Euch Gesundheit schenken und Ihr das Beste daraus machen, indem Ihr nicht weg seht, Euch nicht verliert nicht nur in dieser Zeit zwischen den Jahren.

Macht das Beste draus aus 2021!

 

Nicht der übliche, ein anderer Jahresrückblick

Für viele Bloggende ist es zu einer lieb gewonnenen Tradition geworden, am Ende eines Jahres zurück zu blicken auf die vergangenen 12 Monate. So auch mir.

Dieses Jahr aber, da ist alles anders.

Im Sommer brachen die liebste Freundin und ich zu einem seit Monaten geplanten Genusstag auf, denn zu dieser Zeit erlaubte es das Jahr, seit ebenfalls Monaten der Zurückhaltung, das mit Bedacht und unter Einhaltung der AHAL-Regeln machen zu können.

Wir fuhren an einem schönen, sonnigen Morgen los. Lachend, voll Vorfreude, voller Pläne und je einer vollen Ideenliste.

45 unbeschwerte Minuten lang, bis völlig unvorbereitet aus dem Nichts hinter uns ein Lkw meine kleine, blaue Elise rammte, ich als nächste bewusste Wahrnehmung den Kühlergrill auf mich zukommen sah und nur noch „Das wars“ dachte. Nur diese zwei Wörter. Ich hörte nichts, ich fühlte nichts, ich spürte nichts, links neben mir der Kühlergrill, rechts neben mir die liebste Freundin und mein zweiter Gedanke „Bitte lass niemanden in sie hinein fahren!“.

Mein größtes Glück an diesem Tag war und ist erst einmal nur, dass kein Auto mehr in ihre Seite hinein fuhr, dass sie unverletzt blieb. Danke dafür!

„Das wars“ dann auch bei mir nicht und mehr mag ich zu diesem Tag gar nicht mehr schreiben. Muss ich auch gar nicht.

Diese zwei Wörter aber, die haben etwas in mir ausgelöst. Etwas, das ich auch nach einigen Monaten noch immer nicht richtig fassen kann, aber dieses Etwas ist da und begleitet mich seitdem. Ab und nach diesen zwei Wörtern war für mehrere Tage in mir so eine klare, leere Kälte da, so als wäre eine durchsichtige Glasscheibe in mich hinein gesetzt, die ich nicht sehen, wohl aber überdeutlich fühlen konnte.

Nach zwei Wochen musste ich mich das erste Mal aus Gründen wieder an das Steuer eines Autos setzen und bekam eine aus Gründen ungewöhnliche Panikattacke. Zum Glück blieb es in der Folge bei dieser einen, auch wenn ich z. B. auf der Autobahn Lkws noch weniger als bisher schon traue.

Diese zwei Wörter, die lösten etwas aus, was mir half, in gewissen Situationen einen klaren Grenzstrich zu ziehen und diese mit einem so deutlichen „Nein, bis hierher und nicht weiter!“ zu begleiten, wie es mir vorher nicht möglich war.

Ich habe seit diesen zwei Wörtern keine Lust mehr, alles und Jeder/Jedem mit Verständnis, Zuhören, Nachvollziehen, Rücksicht zu begegnen. Besonders nicht denen, die zwar Respekt einfordern, im Gegenzug dazu allerdings nicht selber dazu bereit sind. Und es interessiert mich keinen Jota mehr, warum das bei denen so ist. Das ist deren eigenes Elend, in dem sie sich suhlen und auf das ich keine Lust mehr habe.

Diese zwei Wörter waren einfach so kompromisslos, dass ich mich fragte, warum ich für mich nicht auch so sein sollte, konnte, durfte den Menschen gegenüber, die meine Grenze nicht als beachtenswert erachteten und erachten?!

Diese zwei Worte sind in ihrer Einfachheit so radikal, dass man auf sie nur mit radikaler Akzeptanz reagieren kann und mit dieser radikalen Akzeptanz fange ich bei mir an.

zuviel

für die

ICH

genau

richtig so

Kluge Ratschläge und Mitleid, die bekommt man im Dutzend kostenlos und ungefragt hinterher geworfen von Menschen, die sich „Lebe, liebe, lache, feiere das Universum und schick deine Wünsche in es aus, damit sie zu dir zurückkommen“ in ihr Selbstbewusstsein geritzt haben und deshalb meinen, sie würden einen besser kennen, als man sich selbst und dann mit ihren Ratschlägen mit einer Gewalt auf einen regelrecht einprügeln, dass man nur noch kotzen möchte. 

Ich lebe mein Leben für mich, ich treffe meine Entscheidungen selber in dem Rahmen, in dem meine Freiheit sich nicht mit der Freiheit meines Gegenübers überschneidet, denn nur und das ist Freiheit und nichts anderes. Das lässt sich nicht kaufen und auch nicht bestimmen oder her diskutieren. 

Wenn alles auseinanderfällt, dann sind diese Menschen sowieso und immer die Ersten, die einen verlassen, wegrennen, die Straßenseite wechseln, verschwinden – und natürlich weiter ihr „Lebe, Liebe, Lache“ absondern.

Freiheit heißt, Verantwortung für sich selber und seine Entscheidungen in einer Solidargemeinschaft zu übernehmen und verdammt noch mal nichts anderes!

Wer das nicht akzeptieren kann, muss sich gar nicht die Mühe machen, sich mit mir auseinander setzen zu wollen, denn Freiheit heißt für mich auch, unbedingt über den eigenen Suppentellerrand sehen zu können – immer in dem Bewusstsein und in der Dankbarkeit, im politischen Konstrukt einer Solidargemeinschaft leben zu dürfen.

Freiheit heißt nicht, dass alles erlaubt ist oder dass man der Weisheit letzter Schluss ist, wenn man auf das alles scheißt!

Freiheit heißt, sich dessen immer bewusst zu sein.

Und Freiheit heißt erst recht nicht, dass man nur dann frei ist, wenn man es allen recht macht und damit meine ich dieses Mal explizit mein ureigenstes Leben. Für mein Leben hat der Lehrsatz Freiheit genau diesen Inhalt nicht mehr, denn der ist nur eines: Der Gedanke an eine utopische Utopie. 

Wer das nicht akzeptieren kann, möge bitte die Freiheit nutzen, mir zu entfolgen, sich mit mir nicht auseinander setzen zu wollen und mich endgültig in Ruhe zu lassen und sich um sein eigenes Selbstverständnis zu kümmern. 

Ich wünsche wirklich niemanden einen solch klaren Das wars-Moment. Ich für mich und nur für mich kann im Nachhinein sagen, dass er, da gut ausgegangen, tatsächlich gut für mich war und ist.

Insofern:

Danke 2020 für all Deine reichlich guten Momente, für all die Tage voller Glück, die Du mich hast teilen lassen. Für all die innigen Momente voller Liebe und Freundschaft. Für all das, was ich lernen, erleben durfte. Für alles Schöne. Für die Kunst. Dafür, dass wir in unserem Land in Frieden leben dürfen, dass wir ein Dach über dem Kopf und genug zu essen haben. Für die Liebe, die Familie, Freundschaft. Für die Solidargemeinschaft, in der ich leben darf. Über alles andere muss und mag ich nicht schreiben. 

 

Bunte Vögel

Es ist ein Trauerspiel, aber leider, leider keines, das mich und viele andere, die offenen Auges und Ohres ihr Leben leben, überraschen würde:

Hier auf dem Dorf in diesem Winter bei mir an den Futterstellen noch keine einzige Amsel gesichtet und keine einzige Kohl- und/oder Blaumeise, kein Rotkehlchen – lediglich Sperlinge, Krähen, einige Tauben.

Bin ich aber in der Stadt, dann ist dort diese auf dem Land immer öfter fehlende Biodiversität noch zu finden und mehr, so wie diese gestern von mir fotografierten Halsbandsittiche, die seit Jahren fest zum Stadtbild mit dazu gehören. 

Auf einer Heimfahrt, noch vor Weihnachten, kreuzte ein ganzer, grün funkelnder Schwarm von ihnen die Straße und flog über den Neckar davon, was einfach ein phantastisch schöner Anblick war. 

Die vier letzten Bücher des Jahres

fallen definitiv unter die Rubrik „Die Letzten werden die Ersten sein“ :)!

Zu Beginn des Jahres hatte ich mir vorgenommen, über jedes einzelne gelesene Buch etwas zu schreiben – nun ja, solche Vorhaben sind ja in Wirklichkeit eh dazu da gebrochen zu werden. Was soll’s also, schreib ich halt, mal abgesehen von den Büchern, bei denen ich noch mitten drin bin (jajaja, ich lese schon immer mehrere gleichzeitig, das ist soooo ein alter Hut …), über die vier Bücher, die ich als letztes wirklich fertig gelesen habe in diesem Jahr:

  1. Blutige Nachrichten von Stephen King:

Dieses Buch umfasst die vier Kurzgeschichten „Chucks Leben“, „Mr. Harrigans Telefon“, „Ratte“ und die titelgebende „Blutige Nachrichten“. Letztere gefiel mir sehr gut, da ich seine Heldin Holly Gibney sehr mag. Richtig tief in mir kleben blieb allerdings seine erste „Chucks Leben“, die mich noch immer beschäftigt. Ich werde nie dazu neigen, ganze Buchinhaltsrezensionen aus mir heraus in den Blogbeitrag zu drücken, weil ich davon überzeugt bin, dass meine Meinung immer subjektiv ist und somit nicht ausschlaggebend sein sollte, ob man ein Buch lesen – und vor allem selbst erleben sollte (deshalb keine Ausführungen zu den Inhalten) – oder nicht. Ein Satz ist es, der mich beschäftigt seither:

Mit dem Tod eines jeden Sterbenden stirbt immer eine ganze Welt.

Das ist ein philosophisches Kawumm, dessen Tragweite mir das erste Mal so prägnant wirklich bewusst wurde. Darüber lohnt es sich nachzudenken, diesen Satz in sein Leben einzubauen und für mich war es absolut lohnenswert, das in eine Geschichte gefasst erlesen zu dürfen. Deshalb eine absolute Leseempfehlung.

  1. Vox von Christina Dalcher:

Eine erdrückende Dystopie von einer Eindringlichkeit, die nach und mit den Erfahrungen des ekelhaft Orangenen und seinen höllischen evangelikalen Verquickungen in den USA eine ganz eigene Brisanz bekommt und leider auch mit heftigem Sturzerbrechen einhergehende Vorstellbarkeit erhält. Ich werde nie zu den Menschen gehören, die sich darin suhlen, alles das, was auf Listen steht bis ins kleinste Klein zu sezieren, was Empfehlungen und Begeisterungen erhält, aufgrund der selbst ernannten Intelligenzia abzulehnen. Deshalb erfolgt hier dann doch (sic!) einfach ein ganz einfaches LESEN! als Empfehlung und drüber reden – wer will schon zum Verstummen gezwungen werden?

  1. Das Seidenraupenzimmer von Sayaka Murata:

Ja, mit dem Lesen japanischer Literatur hat das bei mir einfach die Bewandtnis, dass ich mich in diese mir so fremde Kultur auf irgendeine Art und Weise einfühlen möchte, was ich seit Jahrzehnten so halte, was aber nichts daran ändert, dass mir sehr viele dieser Kulturaspekte trotzdem weiterhin fremd bleiben. Was nichts daran ändert, dass Japan mit all seinen Facetten mir ewiglich ein reiches, spannendes, fremdes, abenteuerliches, phantastisches, unerreichbares Faszinosum (zumindest wohl in diesem Leben) bleiben wird.

Wohl an: Dieser Roman blieb mir (und ich las schon viel Absonderliches) dann doch so absonderlich, dass er zu sehr schwer verdaulicher (Haha) Kost wurde. Nein, ich konnte und kann darin nichts Lustiges entdecken. Hier ist nichts simpel, sondern von Beginn an tragisch und von einer abstrusen Scham, Trauer, Verzweiflung, Verwirrung, Einsamkeit und Hilflosigkeit durchwirkt. Diese Erzählung bietet keine Antworten, wohl aber gesellschaftskritische Fragestellungen en masse und die nach Sinnhaftigkeit sowieso. Kann man durchaus lesen, auf leichte Kost aber sollte man nicht vorbereitet sein.

  1. Dry von Neal und Jarrod Shusterman

Noch eine Dystopie – eine die mich total mit sich gerissen hat.

Und ein harter, ein sehr harter coming of age-Roman, den ich kaum aus der Hand legen konnte. Nicht umsonst nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020! Und von der Jugend mal abgesehen: Ein wirklich guter Roman, wenn man jene bereits auch schon sehr lange hinter sich gelassen hat, aber noch durchaus dazu in der Lage ist, sich in die Gemütslagen dieser Zeit zu versetzen.

Es geht um einige Tage einer absoluten Wasserknappheit und wie diese innert kürzester Zeit die Masken der Humanität von den Gesichtern reißt und die Protagonisten vor schwere Entscheidungen stellt, die sie sich vor all dem, auch trotz mancher Vorbereitung, in dieser letzten Konsequenz vorher nicht vorstellen konnten.

Keine Fantasy, sondern so durchaus im Rahmen des Möglichen denkbar.

Eine Warnung, eine Mahnung und ein Fanal des Menschseins.

Lesen!